»Das kommt mir britisch vor«

Donald Runnicles leitet die Staatskapelle im 8. Symphoniekonzert mit Werken britischer Komponisten. Ein Gespräch über den Klang der Insel in Zeiten des Brexit.
01.03.2017


Herr Runnicles, Sie sind in Edinburgh geboren und kommen nun mit Elgar, Britten und Vaughan Williams nach Dresden – gibt es so etwas wie »britische Musik«?

Diese Frage stelle ich mir schon lange, und ich muss Ihnen sagen: Ich habe noch immer keine definitive Antwort. Letztlich benutzen alle die gleichen Töne, die gleiche Tastatur, die  gleichen Möglichkeiten. Was es sicherlich gibt, sind britische Komponisten, die durch eine nationale Tradition geprägt wurden. Wichtig ist dabei sicherlich die britische Kirchenmusik, etwa von Tallis oder Byrd. Man hört das bei Elgar, vor allem aber bei Vaughan Williams, dessen »Fantasie auf ein Thema von Thomas Tallis« wir ja spielen. Beide zitieren auch gelegentlich gern britische Volksmusik. Aber ist das deshalb gleich typisch englische Musik? Ich kann nur sagen, dass mir persönlich diese Musik durchaus englisch vorkommt. Aber wahrscheinlich auch, weil ich ebenfalls mit genau dieser Tradition aufgewachsen bin.

Wir haben es ja auch nicht mit typischen Brexit-Komponisten zu tun: Britten orientierte sich immer wieder gen USA. Sie spielen Elgars »In the South« über einen Familienurlaub in Italien. Es ist bekannt, dass seine Vorbilder Wagner und Strauss waren ...

… und doch sind wir einig, dass seine Musik eben anders klingt, dass er also einen eigenen Weg gefunden hat.

Vielleicht ist die Natur ein Schlüssel zur Antwort: Britten ließ sich von der schroffen Küste in Aldeburgh inspirieren, Elgar von den sanften Hügeln der Malvern Hills ...

... sicherlich, und Richard Strauss stieg für seine »Alpensinfonie« auf die Berge. Aber an dieser Stelle habe ich ein kleines Problem. Würden wir wirklich hören, dass es sich in Debussys »La Mer« um ein Meer handelt, wenn wir den Titel nicht kennen würden? Ich bezweifle das. Ebenso wie die »Sea interlude« von Britten: Natürlich, wenn wir die Handlung von »Peter Grimes« kennen, ist uns sofort klar, dass es um die schroffen Felsen geht, um die Brandung und die Gischt, dass wir nicht mehr sehen, wo der Himmel aufhört und das Meer beginnt. Aber wenn wir das nicht wüssten, könnten wir diese Musik nicht auch als Seelenlandschaft verstehen? Oder als etwas ganz anderes? Und vor allen Dingen: Können wir allein durch die Art, wie die Töne gesetzt sind, in der Musik den Atlantik vom Pazifik  unterscheiden? Sie sehen, ich bin sehr indifferent in dieser Frage.

Versuchen wir es einmal anders und deklinieren die britische Musikgeschichte: Elgar wurde besonders durch Englands heimliche Hymne, »Pomp and Circumstance«, bekannt, war aber am Lebensende aus der Mode gekommen. Der neue Shooting-Star hieß Vaughan Williams. Was ist zwischen diesen beiden Generationen passiert?

Ich befürchte, dass in dieser Zeit eine ganze Welt und ein Weltbild zusammengebrochen ist. Elgar hat das viktorianische und imperialistische England gefeiert, er war eingefleischter Edwardianer, liebte seinen König und seine Nation über alles. Die Welt der Kriege in Südafrika und der Kolonialismus waren für ihn schwer in Ordnung. Dann kam der Erste Weltkrieg und hat allen vor Augen geführt, dass die Welt nicht so stabil ist, wie viele glaubten. Elgar hat das zwar zur Kenntnis genommen, aber einfach weiter seine Musik geschrieben. Sicherlich hat er im langsamen Satz seiner zweiten Symphonie dem Ende einer Epoche, ausgelöst durch den Tod seines Königs, hinterhergetrauert. Danach aber hat er das Neue nie wirklich angenommen. Ganz anders der jüngere Vaughan Williams. Er hatte den Krieg hautnah miterlebt, seine Generation wusste, wie alte Werte untergehen, wie schrecklich die Menschen sein können – und sie haben auf diese Erfahrungen auch in ihrer Musik reagiert. Das hat die Ohren für die Moderne geöffnet. Vaughan Williams war in Paris, kannte Ravel, wusste um die Musik von Alban Berg. Bei ihm kommt es mir oft so vor – besonders in seiner vierten und sechsten Symphonie –, dass er hier auch die Zerbrechlichkeit und gleichzeitig die Brutalität der Welt in Klang gesetzt hat.

Das bedeutet, dass die Geschichte eines Landes durchaus Einfluss auf seinen Soundtrack hat.

Natürlich, aber andere Nationen haben ja ähnliche Erfahrungen gesammelt. Und dennoch bleibt die Frage nach der nationalen Musik faszinierend. In den USA habe ich kürzlich ein wunderbares Buch mit dem Titel »The English and their History« gefunden. Es scheint, dass ausgerechnet die älteste Nation der Welt, dass England, irgendwie einen  Minderwertigkeitskomplex hat. Einen derartigen Komplex erleben Sie in der Musik von Brahms, Wagner oder Strauss nicht, in den Werken vieler britischer Komponisten aber sehr wohl. Vielleicht ist dieser Komplex auch verantwortlich für den »britischen Humor«, mit dem wir unsere Ängste überspielen oder kleinlachen.

Sie Sind ebenfalls Brite – haben Sie diese Komplexe etwa auch?

Aber natürlich! Vielleicht hat das auch etwas mit der Rolle zu tun, die Kultur in unserem Land spielt. Elgar hatte diesen Komplex, weil er sich immer wieder fragte, ob seine Fähigkeiten als Autodidakt reichen würden, um sich zu behaupten. Bei Britten hören Sie diese Komplexe überall, ähnlich wie Schostakowitsch musste er immer wieder Filmmusik schreiben, um Geld zu verdienen. Und bei mir war das nicht anders: Als ich Dirigent werden wollte, haben meine Eltern mich gewarnt. Sie dachten, das sei kein richtiger Beruf, drängten mich, doch lieber Lehrer zu werden. Wir haben in England zwar überall Laienorchester und Laienchöre, aber der Sprung ins professionelle Musikleben ist äußerst schwierig. Den Unterschied zu Deutschland habe ich bei einer meiner ersten Stellen in Freiburg verstanden: In einer relativ keinen Stadt stand plötzliche die Kultur im Zentrum des öffentlichen Lebens. Das ist eine sehr große Errungenschaft und sorgt am Ende auch für ein gesundes Selbstbewusstsein unter den Künstlern. Das gibt es in diesem Maße in Großbritannien leider zu wenig.

Nun kommen wir der Sache nach der britischen Musik langsam auf die Spur ...

Vielleicht ist es nur eine individuelle Sache. Manchmal entdecken wir unsere Heimat erst, wenn wir sie verlassen. Das ist Britten ebenfalls so gegangen: Als er mit seinem Freund Peter Pears in die USA ging, um sich dort vermutlich ein neues Leben aufzubauen, spürte er plötzlich aber auch Heimweh nach seiner Heimat und vor allem nach dem Fischerdorf Aldeburgh. Mir geht es ähnlich: Ich liebe zwar Europa, die USA, das Reisen, Berlin, möchte nicht unbedingt zurück nach Schottland – aber ich weiß, dass es da irgendetwas gibt, das mich spüren lässt, dass ich da herkomme, dass ich da zu Hause bin.

Gibt es dieses »Zu-Hause-Gefühl« auch in der Musik?

Ich kann schon sagen, dass ich bei manchen Werken das »Britische« höre. Und mehr noch, dass es Momente gibt, an denen schon ein Akkord reicht, um mich in ganz andere Welten zu versetzen. Nehmen Sie den Beginn von Vaughan Williams’ Fantasie, ein simpler G-Dur-Akkord. Ich höre den und bin sofort mitten in einer Kathedrale. Das funktioniert übrigens auch bei einer Komponistin wie Sofia Gubaidulina. Am Anfang ihres Stückes »Fachwerk« steht ein simpler F-Dur-Akkord, der mich sofort in ihren ureigenen Klang-Kosmos entführt. Dazu benutzt sie dieses typische, russische Volksinstrument, die Bajan – aber die Frage stellt sich auch hier: Ist ihre Musik allein deshalb »typisch russisch«?

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