»Mal so richtig abtauchen«

Solooboist Bernd Schober wird im 4. Aufführungsabend Bachs A-DurKonzert für Oboe d’amore, Streicher und Basso continuo interpretieren.
06.07.2017

Als Bernd Schober im DDR-Fernsehen einen Film des Tauchers Jacques-Yves Cousteau gesehen hatte, wusste er: »Das will ich auch.« Einmal abtauchen. Die Stille unter dem Wasser erlauschen. Diese faszinierende Form der Freiheit erleben.

Bis dahin verlief sein Leben weitgehend nach Plan. Als Kind lernte er Klavier, dann nahm seine Mutter ihn mit zur Spezialschule in Halle – dort wurde er im Fach Oboe unterrichtet. »Man hatte damals keine große Wahl«, sagt Schober, »der Berufsweg war ziemlich klar vorgezeichnet«. Als er nach Dresden zur Kapelle kam, hatte er erst einmal keine richtige Wohnung. »Das waren keine leichten Zeiten, aber es musste ja weitergehen.« Die Musik wurde für Schober zu einer anderen Form der Freiheit und der Kommunikation. 

1993 war es endlich so weit. In den Seen rund um Dresden erlernte Bernd Schober das Tauchen. Inzwischen taucht er regelmäßig in den Meeren der Welt. »Wenn Sie zwei Wochen in Ägypten sind, das Boot aus dem Hafen abfährt, das Handy plötzlich keinen Empfang mehr hat – das ist für mich ein großes Glück.« Es ist die Stille, die Schober genießt. Das Alleinsein in der Natur. Die Ungestörtheit. Das Auf-Sich-Zurückgeworfen sein. Und genau diese Momente der Stille geben ihm auch die Kraft für den Klang. Um neue Klänge zu finden, geht er zuvor gern auf Tauchstation. Manchmal, im Winter, geht er sogar eistauchen. Als das Orchester sich an einem Abend um kurz vor 17 Uhr im Graben traf, um den »Tristan« aufzuführen, sagte ein Kollege zu ihm: »Jetzt wird es ernst.« Schober antwortete: »Ernst war es heute Vormittag, als ich unter dem Eis getaucht bin. Da ist jeder Fehler tödlich. Hier ist es am Ende dann alles doch nur ein Spiel.«

Vielleicht hat Schober beim Tauchen auch die Perfektion gelernt. Jeder Fehler kann fatal sein. So denkt der Oboist auch in der Musik. Das Mundstück für sein Instrument schneidet er mit dem Messer auf den Millimeter passend, Passagen, die etwas komplexer sind, werden so lange geübt, bis kein Zweifel mehr vorhanden ist. »Man spürt ja, ob es noch Unsicherheiten gibt«, sagt Schober, »und man kann arbeiten, bis sie so weit wie möglich aus dem Weg geräumt sind.« 

Schober liebt die Herausforderung und die Entdeckung neuer Welten. 1999 fragte ihn der Dirigent Giuseppe Sinopoli, ob er nicht Lust hätte, im Bayreuther Festspielorchester zu spielen. Schober zögerte zunächst. Ist das wirklich etwas für ihn? Will er das – die Sommerferien im Orchestergraben verbringen? Als er dann zum ersten Mal in Bayreuth musizierte, war es sofort um ihn geschehen. Mit Ausnahme von 2012 saß er jedes Jahr in Wagners »mystischem Abgrund« – wegen der Musik, wegen des Festspielhauses und der Kollegen. »Die Oboengruppe in Bayreuth ist ganz besonders«, sagt er, »und es sind über die Jahre viele Freundschaften entstanden.« Auch in der Staatskapelle genießt Schober das Miteinander. »Die Stimmung unter den Holzbläsern ist einmalig«, sagt er. Und natürlich nutzt er die Möglichkeit der Aufführungsabende, bei denen sich die Musiker der Kapelle mit ihren eigenen Programmen vorstellen können. »Diese Konzertreihe ist vielleicht die Basis unseres Klanges: Wir können hier Programme gestalten, die uns am Herzen liegen, Musik spielen, die uns persönlich begeistert – und all das immer gemeinsam mit unseren Freunden und Kollegen.«

Für seinen bevorstehenden Auftritt im 4. Aufführungsabend hat Bernd Schober sich das A-Dur-Konzert von Johann Sebastian Bach ausgesucht. »Ich liebe dieses Stück«, sagt er, »Bach ist für mich der Herrgott, der Mozart auf die Welt geschickt hat – und Wagner steht irgendwie über allem.« Für Schober hatte die Wahl auch einen anderen Grund. »Jeder erwartet von der Kapelle immer Weber, Strauss und Wagner«, sagt er, »so wie die Hallenser ihren Händel haben und die Leipziger ihren Bach. Aber ich finde es wichtig, dass wir regelmäßig aus unserem Kernrepertoire ausbrechen, andere Ufer kennenlernen und sie gemeinsam mit unserem Publikum entdecken.« Außerdem ist das Bach-Konzert für den Oboisten eine der seltenen Möglichkeiten, seine Oboe d’amore auszupacken. »Außer in Strauss’ ›Sinfonia Domestica‹, in der ›Matthäus-Passion‹ und im ›Weihnachtsoratorium‹ kommt dieses wunderbare Instrument ja eher selten vor.« Die letzten Wochen ist er wieder abgetaucht. Dieses Mal nicht in einen See oder in ein Meer, sondern in Bachs Partitur: Im 4. Aufführungsabend ist dann zu hören, welchen Klang Bernd Schober in seiner inneren Stille gefunden hat.

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