19.01.2012

Ode an den Frieden: Uraufführung von Lera Auerbachs Requiem »Dresden«

Alljährlich musizieren die Sächsische Staatskapelle und der Staatsopernchor am 13. und 14. Februar ein Konzert im Gedenken an die Zerstörung Dresdens im Zweiten Weltkrieg. In diesem Jahr stehen diese Konzerte unter einem besonderen Vorzeichen: Zum ersten Mal seit über 50 Jahren erklingt zu diesem Anlass ein neu komponiertes Requiem, das neben der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit auch das heutige Leid thematisiert und den Gedanken der Hoffnung mit einschließt.

Mit dem von der Sächsischen Staatskapelle und der Stiftung Frauenkirche Dresden gemeinsam beauftragten Requiem »Dresden« stellt die Capell-Compositrice Lera Auerbach zugleich das umfangreichste Werk im Rahmen ihrer Dresdner Residenz vor. Uraufgeführt wird es am 11. Februar in der Dresdner Frauenkirche – dem Ort, an dem die künstlerische Idee entstand und der die Komponistin zu diesem Werk inspirierte.

Lera Auerbach stand in den vergangenen Monaten in besonderer Weise im Fokus der Medien: Im August und September 2011 eröffnete die Komponistin mit der Aufführung ihrer »Dialogues on Stabat Mater« und der Uraufführung ihres neuen Streichquartettes »Songs of Alkonost«, das in der Semperoper und bei den Internationalen Schostakowitsch Tagen Gohrisch zu hören war, ihre Residenz als diesjährige Capell-Compositrice der Sächsischen Staatskapelle. Im November 2011 folgte die Uraufführung ihrer Oper »Gogol« am Theater an der Wien – ein Erfolg, der die Opernwelt aufhorchen ließ und Publikum wie auch zahlreiche Kritiker in Begeisterung versetzte. »Auerbach ist primär eine Melodikerin«, schwärmte Reinhard Brembeck in der Süddeutschen Zeitung. »Wer so fest an die Melodie glaubt, wer nichts anderes im Instrumentalen sucht, der kann auch brillant für Singstimmen schreiben.«

In den diesjährigen Konzerten zum Dresdner Gedenktag steht die nächste Uraufführung eines vokalen Auerbach-Werkes an: das Requiem »Dresden«, das wie die Gogol-Oper abendfüllend sein wird und damit den größten Auftrag darstellt, den die Staatskapelle bislang an einen ihrer Capell-Compositeure vergeben hat. Hierfür kooperierte sie mit der Stiftung Frauenkirche Dresden. Gemeinsamer Wunsch der Auftraggeber und der Komponistin war eine Uraufführung im wieder aufgebauten Dresdner Gotteshaus, das für die Überwindung von Trauer und Tod durch Hoffnung und Versöhnung steht. So erklingt das Werk nun erstmals im direkten zeitlichen Vorfeld des Dresdner Gedenktages am 11. Februar und nachfolgend am 13. und 14. Februar auch in der Semperoper.

Für die in New York lebende russisch-amerikanische Komponistin ist das Requiem eine Herzensangelegenheit. Bei ihren bisherigen Aufenthalten in Dresden habe sie sich zwangsläufig mit der Historie der Stadt auseinandergesetzt. »Dresden ist durch die schreckliche Zerstörung im Zweiten Weltkrieg zu einem Symbol für unglaubliches Leid geworden, aber es ist heute eine Stadt, die ebenso für den friedlichen Wiederaufbau und für Erneuerung steht.« Deshalb ergänzte Lera Auerbach den Titel des Werkes im Laufe des Kompositionsprozesses durch den Untertitel »Ode to Peace« – »Ode an den Frieden«, womit sie den zentralen Gedanken der Versöhnung und der Hoffnung unterstreicht. Wichtig war ihr außerdem der Bezug zu Schillers Menschheits-Ode »An die Freude«, die zumindest in Teilen am Dresdner Elbufer entstanden ist.

Erste Requiem-Uraufführung seit 56 Jahren
Auerbach stellt mit dem Werk bereits ihre dritte Requiem-Komposition vor. 2007 entstand ihr in Bremen uraufgeführtes »Russian Requiem«, und bereits ein Jahr zuvor schrieb sie mit ihrer zweiten Symphonie ebenfalls ein vokal-symphonisches Werk, dem sie den Untertitel »Requiem for a Poet« gab. Beide Werke sind einer vergleichsweise traditionellen und dennoch individuellen Musiksprache verpflichtet, die den Hörer unmittelbar berührt und überwältigt. Dies dürfte sicher auch für das »Dresden«-Requiem zutreffen. 

Neben der historischen Auseinandersetzung mit der Dresdner Geschichte ging diesem Werk auch eine umfassende theologische und linguistische Vorbereitung voraus: Für das insgesamt 18-sätzige Libretto griff Lera Auerbach neben dem Text der lateinischen Totenmesse auch auf eine Vielzahl anderer Texte zurück, darunter Psalmen, das »Vater unser« wie auch zentrale Gebete der jüdischen Liturgie, die der jüdisch-stämmigen Komponistin in besonderer Weise vertraut sind. So ist es zum einen der überkonfessionelle Charakter, der das Werk auszeichnet, zum anderen aber auch ein überzeitlicher: Den Jahrhunderte alten Gebetstexten stellt Auerbach Texte aus der Gegenwart gegenüber, etwa das Gebet von Father Judge, dem Kaplan der New Yorker Feuerwehr und ersten dokumentierten Opfer der Terroranschläge vom 11. September, oder ein Gedicht des Dresdner Autors Christian Lehnert, das dieser 2003 für die Glockenweihe der damals im Wiederaufbau begriffenen Frauenkirche schrieb. Das »Kyrie«, die Bitte um Erbarmen, wird in über 20 verschiedenen Sprachen gesungen – Ausdruck des universalen Anspruchs, den die Komponistin mit ihrem Werk verfolgt.

Lera Auerbachs »Ode an den Frieden« ist also in vielfacher Hinsicht eine Herausforderung. Auch in den Gedenkkonzerten der Staatskapelle nimmt das Requiem eine Sonderstellung ein: Seit 1956 ist in diesen Konzerten, in denen in der Regel die »klassischen« Totenmessen von Mozart, Brahms, Verdi oder auch Berlioz und Dvořák auf dem Programm stehen, keine Uraufführung mehr erklungen. 1956 dirigierte der damalige Kapellmeister Kurt Striegler ein eigenes Requiem, das er den elf Jahre zuvor in Dresden Umgekommenen widmete. Lera Auerbach schrieb ihr Werk – die aktuellen politischen und ideologischen Konflikte vor Augen – »im Gedenken an die Opfer nationalistischer Bewegungen auf der ganzen Welt«.

Musikalische Völkerverständigung
Dem Gedanken der Völkerverständigung ist auch die Auswahl der Interpreten des Dresdner Requiems verpflichtet, die das Werk in der Frauenkirche und in der Semperoper zur Aufführung bringen. »Wir haben sehr bewusst Künstler aus jenen Ländern ausgewählt, die im Zweiten Weltkrieg unter den Deutschen gelitten haben«, erläutert Jan Nast, Orchesterdirektor der Sächsischen Staatskapelle. So sind an den Konzerten – neben den Mitgliedern der Staatskapelle und den Männern des Staatsopernchors – ein russischer Dirigent (Vladimir Jurowski), ein englischer Bariton (Mark Stone), ein holländischer Countertenor (Maarten Engeltjes) sowie Knabenchöre aus London (St. Paul’s Cathedral Choir) und New York (Saint Thomas Choir of Boys) beteiligt. Damit steht das Werk auch in einer Traditionslinie mit dem »War Requiem« von Benjamin Britten, der 1962 mit einer ähnlichen Wahl der Interpreten die Versöhnung zwischen den im Krieg verfeindeten Völkern unterstrich. Im Unterschied zu Britten sieht die Partitur des Requiems »Dresden« aber ausschließlich männliche Gesangsstimmen vor: »Es sind die Männer und Knaben, die als Soldaten bis heute die kriegerischen Auseinandersetzungen führen. Doch so lange Knaben singen, gibt es Hoffnung, dass die Spirale des Leids irgendwann ein Ende findet«, so die Komponistin.

Mit Vladimir Jurowski konnte für die Uraufführung ein Dirigent gewonnen werden, der biographisch eng mit Dresden verbunden ist und als ein profunder Anwalt nicht zuletzt der zeitgenössischen russischen Musik gilt. Der Principal Conductor des London Philharmonic Orchestra, der als Gastdirigent der Sächsischen Staatskapelle bereits seit mehreren Jahren regelmäßig für Höhepunkte des Dresdner Musiklebens sorgt, begann seine Ausbildung an der Dresdner Musikhochschule und ist heute einer der gefragtesten Dirigenten weltweit. Auch für ihn ist die Requiem-Uraufführung in den Dresdner Gedenkkonzerten, die traditionell ohne Beifall stattfinden und in einer Schweigeminute enden, etwas »sehr Bewegendes und Außergewöhnliches«.

Bereits am 10. Februar gibt Lera Auerbach in einem Künstlergespräch im Foyer der Semperoper Auskunft über ihr neues Werk und ihre ästhetischen Überzeugungen. Unmittelbar vor der Uraufführung am 11. Februar findet im Hauptraum der Frauenkirche zudem eine Konzerteinführung in Anwesenheit der Komponistin statt.

(Textautor: Tobias Niederschlag)

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