»Über Liebe und Hass«

Die Sächsische Staatskapelle stellt im 3. Symphoniekonzert mit dem Oratorium »Über Liebe und Hass« ein neues Hauptwerk von Sofia Gubaidulina vor.
21.10.2016

Am 25. Oktober feiert Sofia Gubaidulina, die in der Saison 2016/2017 bereits zum zweiten Mal den Titel der Capell-Compositrice der Staatskapelle Dresden trägt, ihren 85. Geburtstag. Nur wenige Tage später stellt die Sächsische Staatskapelle ihr neues Oratorium »Über Liebe und Hass« vor, das am 14. Oktober in Tallinn uraufgeführt wurde und nun im Rahmen des 3. Symphoniekonzerts der Sächsischen Staatskapelle (30., 31. Oktober und 1. November 2016) in der Semperoper seine Deutsche Erstaufführung erleben wird. 

Vor zwei Jahren hatte Sofia Gubaidulina für die Staatskapelle ihr Werk »O komm, Heiliger Geist« komponiert, das im April 2014 in der Dresdner Frauenkirche uraufgeführt wurde. Schon damals reifte in der Komponistin die Idee, dieses Werk zu einem großen Oratorium auszuarbeiten. Diese Idee hat sie nun in die Wirklichkeit umgesetzt. Entstanden ist ein ca. 50-minütiges chorsymphonisches Werk für vier Gesangssolisten, gemischten Chor und großes Orchester, das in der Komplexität seiner theologischen Reflexion und der existenziellen Wucht seiner Aussagen alle Züge eines Opus summum in sich trägt. Ausgangspunkt ihrer Komposition war ein Gedicht von Franz von Assisi, über das die Komponistin im September 2014 in einem Interview sagte: »Ich war geradezu erschüttert, als ich diesen Text las. Es geht darum, Liebe dorthin zu bringen, wo Hass regiert. Also genau mein Thema. An dieser Stelle habe ich meine Arbeit angefangen, es gibt aber viele weitere Inspirationen.« Dazu zählen Textstellen aus dem Alten Testament, aber auch das aktuelle weltpolitische Geschehen, das Wiederaufbrechen von Spannungen zwischen Ost und West und Konflikte zwischen den Religionen. 

Der Dresdner Musikwissenschaftler Wolfgang Mende deutet Gubaidulinas Oratorium wie folgt: »Die Sehnsucht nach Gott, Nächstenliebe, der Ruf nach Gerechtigkeit, seine Radikalisierung zum Hass, erotische Liebe, Gottes Zorn – alles scheint eng zusammenzuhängen, ohne doch identisch zu sein. Eine Auflösung dieses Paradoxons könnte ein Religionsverständnis sein, in der Gut und Böse nicht strikt geschieden sind, sondern als sich bedingende Gegensätze gedacht werden. Die Erlösungsverheißung Christi ist nicht ohne das Martyrium der Kreuzigung denkbar, die Liebe Gottes nicht ohne dessen Zorn, das Wirken des Heiligen Geistes nicht ohne die Erfahrung von Bedrängnis und Hass. Das Oratorium mit all seiner Symbolik entwirft somit die Idee einer ›dialektischen‹ Dreifaltigkeit, deren spirituelle Kraft immer auf den Impuls von Gegenkräften angewiesen ist. Liebe gibt es nicht einfach als göttliches Geschenk oder Wunder. Erfahren kann sie, wer Erniedrigung und Leid zu erdulden bereit ist – und auch Hass.« 

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