Grundriss der Kapell-Geschichte

1548 gegründet als deutsche evangelische Hofkantorei mit hinzu engagierten italienischen Instrumentisten, ist die Dresdner Hofkapelle von Beginn an international geprägt gewesen und dies auch überwiegend geblieben (siehe die Reihen der Kapellmeister, der herausragenden Sänger und Instrumentalmusiker). Sie stand an der Spitze der Musikformationen des sächsischen Hofes, und Kurfürsten und Könige haben auf deren Erstrangigkeit stets großen Wert gelegt.

Von 1548 bis gegen 1710 hatte die Kapelle vor allem die Musik in der evangelischen Hofkirche zu pflegen; als weitere Aufgaben kamen Tafel- und Kammermusiken hinzu, ab etwa 1638 Singballette und ab 1662 (Il Paride der Hofkapellmeister Giovanni Andrea Bontempi und Giuseppe Peranda) die italienische Oper. Mit dem letzteren Datum begann eine fast zweihundertjährige Geschichte der italienischen Oper in Dresden, die Charakter und Spielweise der Dresdner Hofkapelle formte und in der heutigen Sächsischen Staatskapelle nachwirkt. 1667 folgte die Eröffnung eines Comoedien-(Opern-)Hauses (Baumeister: Wolf Caspar von Klengel) als eines der frühesten freistehenden nördlich der Alpen.

Um diese Zeit hatte die Dresdner Kapelle durch ihren Alt-Kapellmeister Heinrich Schütz längst internationale Geltung erlangt, hatte die schweren Zeiten des Dreißigjährigen Kriegs überstanden und eine verschieden akzentuierte, aber kontinuierliche Entwicklung durchlaufen.

1697 trat Kurfürst Friedrich August I. ("der Starke") zum Katholizismus über, um sich als August II. zum polnischen König wählen lassen zu können. Dem zufolge musste die Hofmusik umorganisiert und dem katholischen Ritual angepasst werden. Die bisherigen Sänger wurden auf Wunsch verabschiedet, die Kapellknaben und ein Organist den für den Hofstaat weiterhin nötigen evangelischen Gottesdiensten überlassen. Für die Musik in der katholischen Kirche hingegen, welche 1708 im umgebauten Klengelschen Opernhaus eingerichtet wurde, verfügte August der Starke die Gründung eines katholischen Kapellknaben-Instituts. Aus den Instrumentalmusikern der Hofkapelle und  hinzuengagierten Vertretern damals modernster Instrumente aber ließ er durch seinen Hofkapellmeister Johann Christoph Schmidt einen Instrumentalkörper bilden, genannt "Orgester" oder "Orchestre", der die Kriterien eines solchen bereits wirklich erfüllte. Mit chorisch besetzten Streichern der Violinenfamilie, mit Querflöten, Oboen, Fagotten und Hörnern, ergänzt vom damals unerlässlichen Continuo-Apparat, war die Formation 1710 komplett (Trompeter standen aus der Gruppe der Hoftrompeter zur Verfügung). Ihre Hauptaufgabe bestand zunächst im Begleiten von Ballett- und Theateraufführungen einer neu engagierten französischen Truppe. 

Den Anstoß zur Weiterentwicklung des Orchesters gaben alsbald dynastisch-politische Ereignisse. Augusts einziger legitimer Sohn – später Kurfürst Friedrich August II. bzw. König August III. – konvertierte auf seiner Kavaliersreise ebenfalls zum Katholizismus, wurde mit einer österreichischen Erzherzogin verlobt und bekam "zur Belohnung“ seinen Wunsch nach Erneuerung der italienischen Oper in Dresden erfüllt. Während er in Venedig die Kapellmeister Johann David Heinichen und (befristet) Antonio Lotti sowie eine Sänger-Elite für Dresden gewann, kümmerte sich der samt weiteren Mitgliedern der väterlichen Kapelle mitgereiste Geiger Johann Georg Pisendel um die Anwerbung italienischer Instrumentisten sowie um das Sammeln moderner Konzert- und Kammermusikliteratur. 

Zu den berühmt gewordenen Hochzeitsfeierlichkeiten für den Kurprinzen im Jahre 1719 konnte man mit drei Opern von Antonio Lotti unter dessen Leitung, mit französischen Divertissements unter der Leitung Johann Christoph Schmidts, mit weiteren italienischen Werken von Heinichen und von Giovanni Alberto Ristori sowie mit französischer und italienischer Kammermusik aller Art Maßstäbe setzen. Ebenso gaben die königlichen Sänger und das Orchester – allgemein bewundert – den katholischen Festgottesdiensten Glanz. Erstmals trafen damals italienischer, französischer und "vermischter“ Geschmack (letzterer mit zusätzlichen Elementen aus deutscher, polnischer und böhmischer Tradition) exemplarisch zusammen und erlebten eine lange anhaltende Blüteperiode. Heinichens großbesetzte, vielsätzige Messen ("Kantaten-Messen“) wirkten anregend auf Johann Sebastian Bach in Leipzig.  

Nach dem Tod Schmidts (1728) und Heinichens (1729) fiel die Wahl eines Nachfolgers auf Johann Adolf Hasse, der – wie gastweise zuvor Antonio Lotti – in Gestalt seiner Ehefrau eine der damals führenden Primadonnen mitbrachte: Faustina Hasse Bordoni. Unter der neuen Herrschaft von August III. und seiner österreichischen Gemahlin Maria Josepha leitete Hasse 1733-1763 die Hofkapelle, seit 1750 als Oberkapellmeister. Die Opulenz dieser Epoche mit Opera seria, Ballett, Kirchen- und Kammermusik, dazu italienischer und französischer Komödie ist später nie überboten worden. Johann Sebastian Bach, der den Titel eines kgl. polnischen und kurfürstl. sächsischen Hof-Compositeurs verliehen bekam, hat die Dresdner Entwicklung aufmerksam verfolgt; er weilte wiederholt in Dresden. 

Hier wirkten neben Hasse der bedeutende Kirchenkomponist Jan Dismas Zelenka, der im Opern-, Kirchen- und Kammerbereich erfolgreiche Ristori und weitere sog. Kirchen-Compositeurs, ein erlesenes Sängerensemble und das virtuose Kapell-Orchester, das unter Hasse auf knapp 50 Mitglieder anwuchs (mehr, als Joseph Haydn Jahrzehnte später in Esterhazy und sogar in London zur Verfügung hatte). Erforderte bereits das Opernhaus am Zwinger (eröffnet 1719; Architekt: Matthäus Daniel Pöppelmann, spätere innere Umbauten: Giuseppe Galli Bibiena) für seine große Bühne und den 2000 Personen fassenden Zuschauerraum eine angemessene Orchesterbesetzung, so erst recht die 1751 geweihte neue Katholische Hofkirche (Architekt: Gaetano Chiaveri), die eine Hauptwirkungsstätte der Kapelle blieb bis zum Verbot durch die Nationalsozialisten 1938.

Der für Sachsen verheerende Siebenjährige Krieg, der Tod Augusts III. (Oktober 1763) und der Zerfall der Sächsisch-polnischen Union brachten Mangel und Not anstelle des bisherigen Glanzes. Das Kapell-Orchester wurde jedoch aufrechterhalten, allerdings unter Ausgliederung der Opernsänger; Kirchensänger verblieben bis 1918 im Kapellverband. 

Durch eine kluge Wirtschaftspolitik (sog. "Rétablissement“) erholte sich das Kurfürstentum Sachsen; auch das Kapell-Orchester konnte unter dem Hofkapellmeister Johann Gottlieb Naumann (im Dienst 1764-1801) seine alte Leistungshöhe zurückerlangen und personell sogar anwachsen. Ab ca.1790 hatte die katholische Hofkirchenmusik in Dresden wieder europäischen Ruf, während die italienische (Impresa-)Oper unter eingeschränkten räumlichen Verhältnissen litt (das große Opernhaus war 1769 letztmalig Schauplatz einer Festoper und wurde danach lediglich für Redouten und Konzerte genutzt, bis es 1849 abbrannte); auch die Zeit großer Sänger kehrte erst wesentlich später zurück. Nach Naumann, dem empfindsamen Frühromantiker, der besonders von Schweden, Dänemark und Preußen als Orchester-Reformator nach Dresdner Vorbild umworben wurde, brachte Ferdinando Paër den neuesten wienerisch-klassischen Stil nach Dresden, wurde aber, trotz lebenslänglicher Anstellung, nach wenigen Jahren von Napoleon nach Paris befohlen.

Francesco Morlacchi, Paërs Nachfolger, geleitete die Kapelle durch die alsbald von Napoleon Bonaparte heraufbeschworenen Katastrophen (1812-1815). Friedrich August der Gerechte (als Kurfürst: III., als sächsischer König: I.) kam 1816 nach zeitweiliger Gefangenschaft in ein durch den Wiener Kongress auf weniger als die Hälfte verkleinertes Sachsen zurück. Aber noch bevor der wirtschaftliche Wiederaufbau (sehr frühe industrielle Revolution) begann, beschloss der König die Wiedererrichtung der Hoftheater, zusätzlich mit einem "deutschen Département" der Oper. Zu dessen erstem musikalischem Chef wurde 1817 Carl Maria von Weber berufen. Er wie auch sein Nachfolger Carl Gottlieb Reißiger förderten ihr bewundertes Orchester nach Kräften. 

Eine neue Gefahr nahte, als 1831 mit der Einführung der Konstitutionellen Monarchie in Sachsen die Landstände die weitere Unterhaltung der Königlichen musikalischen Kapelle und des Hoftheaters aus Landesmitteln ablehnten. Das Königshaus beschloss, dieses Département aus seiner Privatschatulle zu finanzieren. Zwar gab es über längere Zeit ein zähes Ringen um Stellenpläne und Gehälter, doch hielt das Orchester sein Niveau als das führende in Deutschland, und Morlacchis Amtsnachfolger Richard Wagner konnte nicht nur seine Opern "Rienzi“, "Der Fliegende Holländer“ und "Tannhäuser“ in einem neuen großen Theaterbau (dem ersten von Gottfried Semper) und mit hervorragenden Sängern leiten, sondern 1848 beim Jubiläum des 350-jährigen Bestehens der Kapelle einen Toast auf "das kostbarste Institut des Vaterlandes“ ausbringen. 1849, kurz vor der geplanten Uraufführung des "Lohengrin“, floh Wagner wegen seiner Verstrickung in die Revolution und verlor daraufhin seine Anstellung. Einige Jahre später erwirkte der Tenor Joseph Tichatschek die Wiederaufnahme Wagnerscher Werke ins Dresdner Repertoire. 

In Eigenregie des Orchesters erfolgten die Gründungen des Tonkünstlervereins (1854, heute: Kammermusik der Sächsischen Staatskapelle Dresden), des Konservatoriums zur Heranbildung des Nachwuchses (1856, heute: Hochschule für Musik Carl Maria von Weber) und die Einführung fester Abonnementskonzert-Reihen (1858, heute: Symphonie- und Sonderkonzerte). 

Eine besonders glanzvolle Zeit, ähnlich den Jahrzehnten sowohl unter Schütz als auch unter Hasse, begann mit dem Engagement Ernst von Schuchs 1872, der als späterer GMD die enge Verbindung der Kapelle zu Richard Strauss etablierte, u.a. mit den Uraufführungen von "Salome", "Elektra", "Rosenkavalier". 

Erster, vom Orchester selbst gewählter Chef nach der Aufhebung der Monarchie war Fritz Busch. Unter seiner Leitung (gewaltsam beendet durch den Nationalsozialismus) und der des Nachfolgers Karl Böhm setzten sich nicht nur die Uraufführungen von Bühnenwerken Strauss’ und weiterer Komponisten sowie die epochemachenden deutschen Erstaufführungen von Opern Verdis, Puccinis u.a. fort, sondern 1923 begannen auch die Aufnahmen für Schallplatte und Rundfunk. Die nunmehrige Staatskapelle hat inzwischen in beiden Bereichen imponierend lange Listen aufzuweisen, darunter zahlreiche Referenzaufnahmen vollständiger Opern und als Gesamteinspielung vorgelegter Orchester-Oeuvres. 

Eine wichtige, damals weltweit singuläre Einrichtung kam auf Buschs Initiative zustande: die Gründung einer Orchesterschule der Sächsischen Staatskapelle, da die Effizienz des Konservatoriums als Ausbilder von Nachwuchs für die Kapelle nicht mehr befriedigend war. Diese "OSK“, mit dem jungen Oboen-Studenten Rudolf Kempe als prominentestem Schüler, bestand ab 1922 unter der Leitung von Busch, danach von Hermann Kutzschbach und Karl Böhm, jeweils unterstützt von einem Gremium aus Kapellmusikern, bis 1938; dann untersagte das Dritte Reich alle Privatschulen. Inzwischen besteht längst wieder eine Orchester-Akademie, allerdings geringeren Umfangs und nicht mehr mit dem Kennzeichen der Einmaligkeit.

"Die Kapelle“, die dank weitgehender Verschonung vom Kriegsdienst und gegen Kriegsende verfügter Evakuierung in die sächsischen Kurorte Bad Elster und Bad Brambach nur wenige Kriegstote zu beklagen hatte, gehörte zu den ersten Orchestern, die ab Sommer 1945 mit Aufführungen und Rundfunkübertragungen wieder zu hören waren. Es schien, als ob sie trotz zerstörter Spielstätten in der bisherigen Weise weiterwirken könnte. Doch die politische Geschichte wurde zur großen Gefahr: Joseph Keilberth wie Rudolf Kempe verließen die DDR, Franz Konwitschny, Otmar Suitner, Martin Turnowsky und Kurt Sanderling blieben nur jeweils wenige Jahre, erst Herbert Blomstedt (Chefdirigent 1775-1785) brachte Beständigkeit in die Entwicklung, die nach 1989 unter Giuseppe Sinopoli ähnlich fortgesetzt werden sollte, jedoch durch den plötzlichen Tod des Dirigenten (2001) eine Zäsur erfuhr.

Nach Fabio Luisi (GMD 2007-2010) übernahm 2012 Christian Thielemann als Chefdirigent  die Leitung der Sächsischen Staatskapelle. Seit 2013 sind zudem Thielemann als Künstlerischer Leiter und die Kapelle als Residenzorchester der Osterfestspiele Salzburg verpflichtet.

Von den bald nach Kriegsende wieder angelaufenen Rundfunk- und Tonträgeraufnahmen (Mitschnitte wie Studio-Produktionen) zeugen u.a. zwei Diskographien (s.u.) sowie die CD-Reihe Edition Staatskapelle Dresden (Hänssler Profil). Vor allem Opern-Gesamtaufnahmen und zyklische Einspielungen symphonischer Werke führen noch immer zu Wiederausgaben.

Ortrun Landmann

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Die Sächsische Hof- bzw. Staatskapelle und ihre musikalischen Leiter

Auf Abbildungen aus der Frühzeit der Kapelle sieht man die Musiker vorwiegend in Kostümen, welche nicht regulär, sondern nur bei musikbegleiteten Umzügen anlässlich diverser höfischer Feste getragen wurden. „Porträtähnlichkeit“ haben hier nur die Instrumente, doch befinden sich die Spieler in Aktion. Und da es zum Beschluss solcher Umzüge üblicherweise Wein und etwas Gutes zu essen gab, dürfte dergleichen den Musikern nicht unlieb gewesen sein.
Erst mit der Umorganisation des instrumentalen Teils der Kapelle zu einem Orchester (1709/10) entfielen für dieses die Maskeraden, und alsbald sind die Musiker in modischen Hof-Uniformen dargestellt, wenngleich weiterhin ohne individuelle Gesichtszüge.

Die chronologische Folge der Bilderauswahl schließt auch, soweit möglich, Porträts der leitenden Kapellmeister ein (wie die Liste in den Historischen Verzeichnissen ausweist, war die Gesamtzahl der Kapellmeister verschiedenen Ranges erheblich höher). Erstaunlich ist, von wie vielen bedeutenden Persönlichkeit an der Spitze der Kapelle kein Bildnis nachgewiesen werden kann – an dessen Stelle enthält die Bildergalerie Leerfelder in der Hoffnung, dass sie eines Tages ausgefüllt werden können.
Auf Einzelporträts wird verzichtet in jenen Fällen, in denen die Kapellmeister mit ihren Musikern gemeinsam abgebildet sind, was im 17. und im frühen 19. Jahrhundert nur je einmal der Fall (Heinrich Schütz, Carl Maria von Weber), ab Ende des 19. Jahrhunderts dank der Fotografie aber fast immer möglich ist.

Ein Teil der Vorlagen für die folgenden Abbildungen befindet sich im Besitz der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- u. Universitätsbibliothek Dresden (hier inbegriffen die Deutsche Fotothek), in Einzelfällen auch des Sächsischen Hauptstaatsarchivs Dresden und der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. Einzelnachweise sind im Archiv der Sächsischen Staatsoper Dresden zu erfragen.

Ortrun Landmann