Die Orchesterschule der Sächsischen Staatskapelle (1923 - 1937)

Im Oktober 1923 nahm die als Eingetragener Verein gegründete sog. OSK ihre Arbeit auf. Ihr erstes Direktorium bestand aus GMD Fritz Busch (Künstlerischer Leiter), Hofrat Otto Schambach (geschäftsführender Leiter), zwei Konzertmeistern und zwei Kammermusikern der Kapelle, ihr Lehrerkollegium umfasse 1926 bereits "59  Herren der Staatskapelle, 3 Kapellmeister und 17 freistehende Künstler". Ausgebildet wurde in sämtlichen Orchesterinstrumenten sowie Klavier und Orgel, in musiktheoretischen Fächern bis hin zur Komposition, im Zusammenspiel diverser Art, im Orchesterspiel und im Dirigieren; unterrichtet wurden zudem Musikgeschichte und -ästhetik, Literatur- und Kunstgeschichte. Später kam weiteres hinzu, vor allem eine "Abteilung Opernschule" und eine "Abteilung für evangelische Kirchenmusik" sowie eine Art Vorbereitungsklasse, die sehr begabte Kinder an die Aufnahme in die OSK heranführen sollte und selbst das Unterrichtsfach Deutsch mit einschloss Lediglich eine höhere Sologesangsausbildung und die Ausbildung zum Instrumentalsolisten blieben außerhalb des Spektrums, das somit das nahezu komplette Angebot eines vollwertigen Konservatorium bzw. einer Musikhochschule aufwies.

Voraussetzungen, Betrieb und Zweck freilich waren völlig anders. Dem Verein wurde von Anfang an absolute Gemeinnützigkeit bestätigt, da er nicht auf eigene Einkünfte hinwirkte, sondern allein auf das Ziel, jungen Menschen durch eine vollwertige Ausbildung den Start in ein erfolgreiches Musikerleben zu ermöglichen, unabhängig von dafür aufzubringenden Kosten. Das Lehrpersonal, überwiegend in gesicherter dienstlicher Position, war auf Gewinn aus den Unterrichtsstunden nicht angewiesen und gab sich mit kleinen Honoraren, zumeist aber mit dem Verzicht selbst hierauf zufrieden. Ein eigenes Unterrichtsgebäude fand man entbehrlich: Einzelunterricht fand überwiegend in den Privatwohnungen der Unterrichtenden statt; ergänzend benutzte man anfangs Räume im Haus der Dresdner Kaufmannschaft (Ecke Ostraallee/Malergässchen) sowie für Orchesterunterricht und -proben den Orchesterprobensaal der Staatskapelle. Das schuf die Möglichkeit, Freistellen (volle wie anteilige) in großer Zahl zu gewähren. Auch wurde ein Fonds von Instrumenten aufgebaut, die den unbemittelten Studenten leihweise zur Verfügung gestellt werden konnten, ergänzt durch eine kleine Noten-Leihbibliothek.

Dieses Angebot wurde lebhaft angenommen, wie aus den gedruckten Jahresberichten der OSK hervorgeht: Begann man 1923 – im Stadium noch nicht völliger Lösung der Raum-Probleme – mit 50 Studenten, so waren es am Ende des ersten Studienjahrs bereit 100. Und von diesen zahlten nur 24 die volle Unterrichtsgebühr (monatlich 39,- Mark für das Paket gewünschter Fächer, 21,- Mark für ein Einzelfach). An diesen Proportionen änderte sich, bei schwankenden Gesamt- und Einzelzahlen, in 14 Jahren prinzipiell nichts. Man war modern genug, auch Frauen zuzulassen (sie wendeten sich dem Klavier oder der Harfe zu, allenfalls musiktheoretischen Fächern). Und bereits ab erstem vollendetem Schuljahr gab es für die entsprechend Fortgeschrittenen Examensprüfungen und Vermittlung in eine Anstellung. Das ist ebenfalls den Jahresberichten der OSK zu entnehmen.

Nochmals sei betont, dass die Sächsische Staatskapelle hier mit viel Idealismus und gesammeltem Sachverstand (auch fachfremdem, der in Gestalt herangezogener Juristen und Kaufleute genutzt wurde) etwas aufgebaut hat, das von Anfang an erfolgreich war aufgrund des hochwertigen Unterrichtsangebots bei vergleichslos günstigen Studienbedingungen, verbunden mit großen Chancen für die Absolventen, in eine Berufsposition zu gelangen.  

Angesichts der damaligen Zeitumstände erhält das alles ein zusätzliches, kaum zu überschätzendes Gewicht: 1923 war das Jahr der Nachkriegs-Inflation, 1929 folgte die Weltwirtschaftskrise!

Es ist verständlich, dass das damalige Konservatorium und die Dresdner Musikschulen in der OSK eine existenzbedrohende Konkurrenz sahen und sie hartnäckig bekämpften. Die Staatskapelle aber hätte sich nicht in eine solche Situation begeben ohne ernsthafte Besorgnis um den eigenen Nachwuchs, dessen Heranbildung in die eigenen Hände zu nehmen sie für notwendig hielt. Die Auseinandersetzungen führten schon 1924 zu Eingaben der privaten Schulen an den Sächsischen Landtag und zu Stellungnahmen der OSK. Doch der Landtag war nicht die richtige Adresse.

Die Zuständigkeit lag bei den Ministerien für Volksbildung und für Wirtschaft. Aufgrund der juristisch einwandfreien Satzung und des nicht auf materiellen Gewinn orientierten Betriebs der OSK konnte dieser nichts angehabt werden. Im Gegenteil: Das sächsische Wirtschaftsministerium gewährte ihr jährlich einen Zuschuss von 8.000 bis 10.000 Mark, der trotz aller Kosteneinsparungen und Eigenfinanzierung seitens des Vereins unerlässlich war für das Funktionieren des Schulbetriebs. Immerhin mussten vor allem die Unkosten der jährlichen Sinfoniekonzerte des Schulorchesters und weiterer Aufführungen bis hin zu Opernvorstellungen (erarbeitet von der Opernschule der OSK) gedeckt werden.

Dank diplomatischem Geschick überstand die OSK 1933 die Machtergreifung durch die NSDAP anfangs relativ gut, sieht man ab von der "völkischen Säuberungswelle", die vor ihr so wenig Halt machte wie vor anderen Einrichtungen. Die OSK wurde genötigt, sich von hochrangigen Lehrkräften zu trennen wie Paul Aron, Dr. Arthur Chitz (er lehrte Musikästhetik), Dr. Richard Engländer, Johannes Schneider-Marfels (Klavier) und Waldemar Staegemann (Leiter der Opernklasse). Die gelieferten Begründungen waren unterschiedlich, betrafen aber vorwiegend jüdische Abstammung. Engländer  (1889-1966), der bekannte Musikhistoriker, der aber auch unter Fritz Busch als Korrepetitor an der Sächsischen Staatsoper wirkte, musste seine Tätigkeit an der OSK wie an der Staatsoper aus "rassischen Gründen" (d.h. als Jude, obwohl bereits seine Vorfahren zur protestantischen Kirche konvertiert waren) 1935 niederlegen; er vermochte 1939 nach Schweden zu emigrieren. Wer wie Engländer mit einem Entlassungsgesuch der Entlassung zuvorkommen konnte, wahrte beiden Seiten das Gesicht, änderte am Sachverhalt aber nichts.  Chitz (1882-1944, zuletzt Musikdirektor des Sächsischen Staatsschauspiels) hingegen wurde deportiert und verstarb 1944 im Ghetto in Riga.

Die OSK ihrerseits versuchte zunächst, durch Übernahme weiterer Aufgaben die Notwendigkeit ihrer Existenz zu untermauern. So baute sie eine neue "Abteilung Dresdener Seminar des Reichsverbandes Deutscher Tonkünstler und Musiklehrer" auf. Weitere Expansionsbestrebungen blieben allerdings unrealisiert, denn die OSK mußte sich ab 1. Oktober 1937 der Verwaltung der Stadt Dresden unterstellen und mit dem sog. Krantzschen Konservatorium zum Konservatorium der Stadt Dresden fusionieren.

Ein letztes Statement, das der Geschäftsführer Otto Schambach mit Datum 30.09.1937 publizierte, ist im Volltext am Ende dieser Ausführungen nachzulesen (s. Abb.). Es zieht ein Fazit aus 14 Jahren des Wirkens einer in Deutschland einmaligen Einrichtung. Die am Ende der Darlegungen demonstrierte "Flucht nach vorn" mit dem verbalen Bemühen, die Fusion schön zu reden, darf durchaus als schmerzlich-ironisch verstanden werden. Jeder Widerstand gegen die Vorgänge selbst wäre absolut kontraproduktiv gewesen: Das Dritte Reich stand Vereinen – vor allem privaten – ebenso ablehnend gegenüber wie später die DDR.

Das städtische Konservatorium aber entwickelte sich nach Ende des II. Weltkriegs über die Staatliche Akademie für Musik und Theater hin zur jetzigen Hochschule für Musik Carl Maria von Weber. Damit ist zumindest ein uralter, im Bereich der Kgl. musikalischen Kapelle seit 1814 genährter und 1937 noch einmal von Schambach formulierter Wunsch nach einer Dresdner musikalischen Ausbildungsstätte mit Hochschulstatus in Erfüllung gegangen.

Schon das 1856 als erste Dresdner Facheinrichtung gegründete Conservatorium kam durch Initiative einiger Kapellmitglieder zustande und zugleich mittels persönlicher finanzieller Opfer, die besonders der Geiger Arthur Tröstler erbrachte und dadurch – bei nur bescheidenem eigenem Einkommen – in nicht tilgbare Schulden geriet. Der sächsische König half nicht und gewährte auch dem (erst später so genannten) "Königlichen Conservatorium" keine landesherrliche Finanzierung. Dieses musste als privates Unternehmen geführt werden, und das mag immer weniger gut gelungen sein. Jedenfalls nahm die Zahl unterrichtender Leitungskräfte und Kammermusiker aus den Reihen der Kapelle mit der Zeit ab, mehr aber noch die Zahl der zum Eintritt in die Kapelle geeigneten Absolventen. Der zweite Anlauf der Kapelle zur Selbsthilfe ging von ungleich besseren Voraussetzungen aus, endete aber infolge der politischen Entwicklung, wie dargestellt. Erst mehr als ein halbes Jahrhundert später setzte sich das Anliegen der Kapelle durch in Gestalt sogenannter Orchesterakademien, die, wenngleich mit sehr viel kleinerem Zuschnitt, heute von vielen großen Orchestern unterhalten werden.

Über die Leistungen der OSK liegen Nachweise in den mehrfach genannten Jahresberichten der Orchesterschule der Sächsischen Staatskapelle (e.V.) vor. Eine Besonderheit war das Schülerorchester mit Mitgliederzahlen von 80 und mehr Personen. Geleitet anfangs von Georg Wille, danach von Hermann Kutzschbach, zuletzt von Ernst Hintze, konnten hier wesentliche Werke des sinfonischen Repertoires erarbeitet und öffentlich aufgeführt werden, ergänzt durch die komplette oder partielle Operneinstudierungen. Nach Rezensentenberichten waren die Aufführungen von erheblicher Qualität und boten die Voraussetzung dafür, dass Orchesterschüler auch gelegentlich als Substituten der Staatskapelle bei Opernaufführungen mitwirken und erweiterte Praxiserfahrungen sammeln konnten.

Eine Auswahl von Namen, die mit der OSK verbunden waren, mag abschließend für das Niveau der Lehrenden und Lernenden Zeugnis ablegen. GMD Fritz  Busch (1890-1951) als Mitinitiator, erster Künstlerischer Leiter und Vereinsvorsitzender wurde eingangs erwähnt. Er unterrichtete Dirigieren und Partiturspiel, bis ihn nach vier Jahren in allen OSK-Positionen.

Staatskapellmeister Hermann  Kutzschbach (1875-1938) ablöste. Kutzschbach muss nicht nur ein hochbefähigter Dirigent gewesen sein, sondern auch ein sehr guter, von den Studenten geliebter Lehrer. Anfang der 1930er Jahre brach bei ihm eine Krankheit aus, der er schließlich erlag, obwohl er immer wieder gehofft hatte, wenigstens zu seiner Lehrtätigkeit zurückkehren zu können.

GMD Karl  Böhm (1894-1981) übernahm vom erkrankten Kutzschbach die Künstlerische Leitung der OSK und führte diese in das Städtische Konservatorium hinüber, welchem wesentliche Kapellmusiker als Lehrkräfte erhalten blieben. Staatskapellmeister Kurt  Striegler (1886-1958) wirkte zunächst neben Fritz Busch im Bereich "Dirigentenbildung, Dirigier-Übung und Partiturspiel", bis er als Nachfolger des 1933 entlassenen Paul Büttner die künstlerische Leitung des Krantzschen Konservatoriums übernahm. Die durch Kutzschbachs Krankheit notwendig gewordene Stellvertretung des Staatsoperndirektors war ihm Anlass, das Konservatorium 1936 wieder zu verlassen. Ernst  Hintze (1893-1965), nachmals legendärer Leiter des Staatsopernchors, arbeitete mit einem "Vorbereitungs-Orchester" (Vorstufe des Schülerorchesters) und studierte Aufführungen der Opernschule ein, die er auch leitete.

Prof. Georg  Wille (1869-1958), Violoncello-Konzertmeister der Kapelle und Stellv. Vorsitzender des OSK-Vereins, lehrte auf seinem Instrument, leitete das OSK-Schülerorchster und errichtete 1927 bei seinem Ausscheiden aus dem Lehramt eine nach ihm benannte Stiftung zur Unterstützung von OSK-Schülern. Arthur  Tröber (1898-1981), Geiger und vielfältiger Organisator mit hohen Verdiensten um die Kapelle (er übernahm 1939 von Theo Bauer die Leitung des TV, dem er unter dem Namen Kammermusik der Staatskapelle 1952 die Weiterexistenz sicherte, und wurde 1955 der erste Inhaber der – zuvor bei der Kapelle nicht vorhandenen – Funktion des Orchesterdirektors) gehörte seit etwa 1925 zum Lehrkörper. 1932/33 berief man ihn zum Direktorial-Assistenten. Die zeitweilig von der OSK in der Marschallstraße genutzten Räumlichkeiten befanden sich in Tröbers Privatwohnung. Dr. Hans  Volkmann (1875-1946) lehrte neben Richard Engländer Musikgeschichte. Paul  Aron (1886-1955) unterrichtete Klavier als Hauptfach von 1930-1933; er verließ Dresden rechtzeitig vor Beginn ernstlicher Verfolgungen. Seine Bedeutung für die Neue Musik ist bekannt und lässt sein Unterrichten an der OSK als nachgeordnet erscheinen; doch ging sein Einfluss auf die OSK-Schüler gewiss weit über seine (ehren)amtliche Lehrtätigkeit hinaus.

Pars pro toto seien von den zum Lehrkörper gehörenden Konzertmeistern, Kammervirtuosen und Kammermusikern der Staatskapelle genannt: Alois Bambula (trb), Rudolf Bärtich (vl), Theo Bauer (vl), Jan Dahmen (vl), Karl Hesse (vlc), Heinrich Knauer (timp), Wilhelm Knochenhauer (fag), Johannes König (ob), Friedrich Rucker (fl), Karl Schütte (cl), Eduard Seifert (tr), Alfred Spitzner (vla), Alwin Starke (cb), Hans Wappler (fag).

Nachmals am berühmtesten gewordener Absolvent der OSK ist zweifellos Rudolf ("Rudi") Kempe  (1910-1976) gewesen. Der spätere Dirigent von internationalem Ruf studierte Oboe bei Johannes König und Dirigieren bei Kurt Striegler, war als Oboist 1929 in Dortmund und 1930-1936 im Leipziger Gewandhausorchester tätig, wo er bereits zum Dirigieren wechselte. Sein Wirken bei der Staatskapelle begann 1949, wurde von ihm aber bereits 1953 aus politischen Gründen wieder aufgegeben; doch blieb Kempe dem "geliebten Orchester" weiterhin verbunden und legte mit ihm gemeinsam Einspielungen des gesamten Orchesterwerks von Richard Strauss für die Schallplatte vor. Aufnahmen von Strauss‘ dramatischem Werk sollten folgen, wurden aber durch Kempes zu frühen Tod nicht mehr Realität.

Als OSK-Absolventen haben weiterhin die Dirigenten Gerhard Pflüger und Gerhard Wiesenhütter ihren, wenn auch von DDR-Bedingungen eingeengten, Weg gemacht; in der Staatskapelle erlangten besondere Positionen der Erste Konzertmeister Willibad Roth (einst Vollstipendiat der OSK) und der Tubist Heinz Forker, Kapellmitglied 1934 bis zu seinem Tod 1980.

Die meisten OSK-Absolventen fanden, schon aufgrund der nur allmählich frei werdenden Planstellen in der Kapelle, ihre Anstellungen außerhalb, und zwar von Königsberg bis Aachen, von Stettin bis Mannheim, nicht zu vergessen Berlin (einschließlich Philharmonischem Orchester). Erwähnt sei ein Musiker, der auf dem Gebiet seines Instruments auch forschte und durch Publikation der Ergebnisse bekannt wurde: der Hornist Kurt Janetzky.

Ortrun Landmann

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