»TV« – Kammermusik der Sächsischen Staatskapelle Dresden

Im Juni 1854 gründeten Mitglieder der Kapelle den Dresdner Tonkünstler-Verein. Eine mehr zufällig veranstaltete Kammermusikaufführung im Salon des Musikschriftstellers Richard Pohl (1826-1896) hatte in den Anwesenden den Wunsch geweckt, solchem Musizieren eine ständige Basis zu schaffen. Abweichend von den Tonkünstler-Vereinen und -Verbänden, die um jene Zeit in Deutschland entstanden, war das Anliegen des Dresdner Vereins auf drei wesentliche Aspekte gerichtet:

– das Kennenlernen bisher nicht einstudierter Werke der Vergangenheit und Gegenwart,

– die eigene Weiterbildung bei gemeinsamem Musizieren,

– das Mitwirken ohne Aussicht auf materiellen Gewinn.

Ihre Anstellung als kgl. Kammermusici sicherte den Musikern ihr Einkommen; der institutionellen Förderung des Musiker-Nachwuchses diente ab 1856 (und nach jahrzehntelanger Vorbereitung) ein Konservatorium mit Kapellmusikern als Lehrern. Für Ausbildungs- und sozial-politische Fragen sah sich der Dresdner "TV" somit nicht zuständig.

Auch wenn nicht zur Kapelle zählende Musiker, Musiklehrer, Musikalienhändler, Instrumentenmacher in den Verein eintreten konnten: die praktische Gestaltung der "Übungs-" und "Productionsabende" oblag den Kapellmitgliedern, unter Einbeziehung ihrer Kapellmeister und einzelner Hofopernsänger sowie geladener Gäste. 

Zu den prominenten Gründungsmitgliedern gehörten u.a. der bekannte Flötist und Kapell-Historiograph Moritz Fürstenau, der Posaunist Julius Rühlmann, die Geiger Ferdinand Hüllweck und Heinrich Riccius, der Oboist Rudolf Hiebendahl, der Hornist Heinrich Hübler.

Hatte das Musizieren "in der Kammer" – im höfischen Sinn des Begriffs, d.h. für einen kleineren Kreis unter Ausschluss der Öffentlichkeit – zwar zu den altangestammten Aufgaben der Hofkapelle gehört, so war es zwischen 1800 und 1850 in den Hintergrund getreten: Teils musizierten die Wettiner selbst, teils verlangten sie von der Kapelle Aufführungen in Orchesterformation. Das Bedürfnis der Musiker nach Bekanntschaft mit den herrlichen Kammermusikwerken der Klassik und Romantik in all ihrem Anspruch an höchst professionelles Spiel war inzwischen nicht mehr aufzuhalten. 

Die Statistik der ersten 25 Jahre des TV umfasst etwa 1000 aufgeführte Kompositionen – manche davon standen mehrfach auf den Programmen. Lully, Bach, Händel, Corelli, J.J. Fux sind hier ebenso vertreten wie solche Komponisten der Vergangenheit, deren Werke ganz eindeutig aus dem Erbe der Hofkapelle stammten und derzeit in der Kgl. Privat-Musikaliensammlung verwahrt wurden (betreut vom Custos Moritz Fürstenau), auf der anderen Seite stehen Zeitgenossen wie Brahms (Sextett op. 18), Wagner (Siegfried-Idyll) und viele weitere, von den großen Klassikern und Romantikern zu schweigen. Das Repertoire reichte von Klavierkompositionen über Lieder und die im Zentrum stehende instrumentale Kammermusik bis zu Konzerten und kleiner besetzten Orchesterwerken.

Hinzu kamen 35 Wissenschaftliche Vorträge über Themen aus der eigenen Musikgeschichte, über einzelne große Komponisten, über form- und gattungsgeschichtliche Fragen; die Redner kamen ausschließlich aus den Reihen der Mitglieder, mit Rühlmann (dem Erforscher des großen Vivaldi-Bestandes in der Kgl. Privat-Musikaliensammlung) und Fürstenau an der Spitze.

Auch das gehörte zur "Weiterbildung"!

Das nächste Vierteljahrhundert brachte u.a. das persönliche Erscheinen und die Ehrenmitgliedschaft von Johannes Brahms sowie bereits 1882, mit der Bläserserenade op. 7,  die erste Uraufführung eines Werkes von Richard Strauss, welcher dann 1883 bei der Aufführung sei-ner Violoncellosonate op. 6 Ferdinand Böckmann am Klavier selbst begleitete. Alsbald sollte sich eine enge, immer wieder durch Uraufführungen besiegelte, dauerhafte Verbindung zwischen Strauss und dem Kapell-Orchester entwickeln.

Der TV selbst, gefördert durch die Wettiner und eine ständig steigende Zahl "passiver" (zahlender) Mitglieder, zählte Persönlichkeiten wie Clara Schumann und Franz Liszt, Johannes Brahms, Hans von Bülow und Joseph Joachim zu seinen Ehrenmitgliedern, konnte sich der tätigen Unterstützung der Kapelldirigenten Franz Wüllner und Ernst von Schuch erfreuen und erfahren, dass er durch die Erlesenheit seiner Programme und ihrer Darbietung zu einem bedeutenden Faktor im Dresdner Musikleben geworden war.

Die Umwälzungen, die der Erste Weltkrieg, der Sturz der Monarchien und die weltweite Inflation brachten, überstand der Verein dank finanzieller Unterstützung durch eine "Fördergesellschaft der Freunde des Tonkünstler-Vereins". So konnte er sich weiterhin dem klassischen Repertoire wie der neuesten Entwicklung (u.a. mit Uraufführungen) widmen, dazu  der Alten Musik nun auch mit Anwendung der schrittweise wiederentdeckten Alten Aufführungspraxis. Zeichen dessen waren die Anschaffung eines eigenen Cembalo (1927) und die Einführung von Viola da gamba und Viola d’amore in das verwendete Instrumentarium (eine Gambe war an einem TV-Abend bereits 1883 durch den Leipziger Instrumentensammler Paul de Wit erklungen).

Mit der Zeit hatte sich weiteres verändert. Waren Frauen als ehrenamtlich Mitwirkende von Anfang an willkommen, so doch nicht ihre Mitgliedschaft im Verein. Diese wurde erst 1915 möglich (vielleicht infolge des Krieges; vorerst nur auf der Basis "außerordentlich"). Schon 1887 hatte man die "Productions-" in "Aufführungsabende" umbenannt, und ab 1927 hieß es dann "Kammer-" statt "Übungsabend".

Völlig gleich geblieben waren indessen die Richtlinien für den TV: das unentgeltliche, freiwillige Miteinanderwirken zur eigenen Vervollkommnung – ein Tun, das einerseits auf die Gesamtqualität des ohnehin hochrangigen Orchesters von segensreichster Auswirkung war, andererseits aber, neben dem vollen Dienst in Oper und Konzert, beträchtliche Opfer an Zeit und Kraft erforderte. 

Man setzte das Tun sogar fort, als im Dritten Reich infolge des Totalen Kriegs alle Vereinstätigkeit erlosch. Noch am 13. Februar 1945 gestalteten Mitglieder der Kapelle einen Kammerabend und eilten anschließend zum Luftschutzdienst ins Opernhaus. Kurz darauf fielen die tödlichen Bomben, die das Dresdener Zentrum und weitere Teile der Stadt zerstörten.

Nach dem Krieg dauerte es, im Unterschied zur alsbald in Behelfsräumen wiederaufgenom-menen Tätigkeit von Orchester und Oper, sieben Jahre, bis es den zähen Bemühungen des Kapellgeigers und späteren Orchesterdirektors Arthur Tröber, des TV-Vorsitzenden seit 1939, gelang, die Fäden wiederaufzunehmen. Da es in der DDR grundsätzlich keine Vereine geben durfte, wurde der Name verändert in Kammermusik der Staatskapelle Dresden, unter Anfügung des in der DDR gern gehörten (und hier wahrlich berechtigten) Wortes "Selbstverpflichtung". 1952 begannen wieder die Kammerabende, 1955 die Aufführungsabende. 1970 gab sich die Kammermusik, den Zeitumständen angepasst, ein neues Statut und legte ihre voll bewahrte Eigenverantwortlichkeit einem Beirat mit einem Vorsitzenden und weiteren Mitgliedern in die Hände. Außer dem Wegfall der Mitgliedschaft Kapellfremder änderte sich nichts: Sowohl die eigenen Musiker als auch die wie eh und je gern kommenden Gäste musizierten weiterhin für das "Frackgeld" von 20 Mark (heute: 10 Euro) und die Kapellmusiker ohne Anrechnung ihrer Mitwirkung als geleisteten "Dienstes".

In den Programmen wurde nun nachgeholt, was seit Verbot durch das Hitlerregime nicht hatte zu Ohren kommen dürfen, ergänzt von Erst- oder Uraufführungen neuer Werke sowie durch manches, was aus den Schatzkammern des musikalischen Erbes – nicht zuletzt des eigenen – wieder ans Licht kam. An die Stelle der früher zahlreichen Streichquartettformationen traten nun zunehmend Ensembles verschiedenster Zusammensetzung, die sich einem bestimmten Repertoire verschrieben, darunter die mit entsprechendem Instrumentarium und dazugehöriger Aufführungspraxis auf Alte Musik spezialisierte Cappella Sagittariana. Sie alle und darüber hinaus viele ad hoc sich verbindende Musiker wirkten in den eigentlichen "Kammerabenden" mit, während für die "Aufführungsabende" sich kleine Orchesterformationen zur Verfügung stellten, geleitet ebenso von den Orchesterchefs wie von Gästen (unter den letzteren befand und befindet sich Prominenz neben jungen, noch zu "entdeckenden" Dirigenten).

Eine bemerkenswerte Neuerung war der 1964 ins Leben gerufene, seither bestehende alljährliche Kammermusik-Austausch mit dem Gewandhaus-Orchester Leipzig, waren doch organisatorische Voraussetzungen nötig, um die Leipziger unbezahlt nach Dresden zu bekommen und dies mittels der Gegengastspiele der Dresdner in Leipzig zu vergüten. 

Wie im Grunde genommen seit 1854, so litt die Kammermusik erst recht seit 1952 unter dem Problem, keinen eigenen Konzertraum zu besitzen. Man zog von gemietetem Saal zu gemietetem Saal, ohne mit einem von ihnen glücklich zu sein. Eine ganz neue Lösung zeichnete sich ab mit dem Wiederaufbau der (nunmehr so genannten) Semperoper. Die Musiker probierten die Akustik des Hauses nicht nur in Orchesterstärke, sondern auch in kleinen Besetzungen aus und waren begeistert.

Den Bemühungen ihres damaligen Vorsitzenden, des Solobratschisten Joachim Ulbricht, ist es zu verdanken, dass die Kammermusik der Staatskapelle noch 1985, im Jahr der Wiedereröffnung, mit allen ihren Veranstaltungen in das Opernhaus einziehen und sich einem wesentlich größeren Publikum unter wesentlich besseren Bedingungen präsentieren konnte als je zuvor.

Nach der "Wende" von 1989 bestand daher nicht mehr der Wunsch, zur alten Organisationsform des "Vereins" zurückzukehren; lediglich das alte TV-Signet wurde aus seiner Verbannung zurückgeholt und schmückt wieder Programmhefte, Plakate und Geschäftspapiere des "TV".   

Hatte der ehemalige Verein seine Bestehensjubiläen bis hin zum fünfundsiebzigsten (1929) festlich begangen, so konnte 1954 der 100. Jahrestag der Gründung nicht gefeiert werden. 

Erst 1964 gaben die Staatstheater Dresden, versehen mit einem Geleitwort des damaligen Generalintendanten, eine kleine Festschrift heraus, betitelt "Kammermusik der Staatskapelle Dresden 1854-1964". Damit wurde seitens des Intendanten das 25-jährige Wirken Arthur Tröbers an der Spitze der Kammermusik gewürdigt und die Kontinuität mit dem TV bestätigt. 1979 durfte immerhin dann pünktlich eine kleine Festschrift an 125 Jahre seit der TV-Gründung erinnern.

Umso größer und aufwändiger gestaltete die Kapelle im Jahre 2004 das 150-jährige TV-Jubiläum mit einem Kammermusikfest, das im ausverkauften Opernhaus ein vierstündiges, äußerst vielseitiges Programm mit mehr als 80 Mitwirkenden bot und während der Pausen bei freundlich gereichten Erfrischungen Musiker und Publikum in den Opernfoyers zusammenführte. In geselliger Runde gefeiert hatte man im alten Verein gern und oft – ein solches Marathonprogramm von Musikdarbietungen ersten Ranges hat es aber selbst damals nie gegeben.

In den Anfangszeiten waren es vor allem die bereits Etablierten, die nach einer neuen Herausforderung suchten. Heute bietet sich bevorzugt den jüngeren Kapellmitgliedern die Möglichkeit, kammermusikalisch zusammenzufinden und sich dem Publikum auch jenseits des Orchesterganzen vorzustellen. Seit 150 Jahren unverändert - und damit weltweit einmalig -  geblieben sind indessen die Bedingungen, unter denen hier angetreten wird: freiwillig, unbezahlt, zur eigenen Fortbildung, und somit zugunsten des Weiterbestandes der Kapelle als Eliteorchester.

Ortrun Landmann

Hier können Sie den obenstehenden Text als PDF (inklusive Quellenangaben) herunterladen.

Die Kammermusik (TV) der Hof- und Staatskapelle und ihre Vorsitzenden

Während alle zehn bisherigen Verantwortlichen für Tonkünstler-Verein bzw. Kammermusik der Staatskapelle nachfolgend im Bild gezeigt werden, ist Entsprechendes für die Mitwirkenden nicht möglich, für sämtliche existiert habenden festen Formationen nicht und schon gar nicht für jene Kapellmitglieder, die nur gelegentlich miteinander musiziert haben. Es würde dem Sinn dieser Fotokollektion zuwider laufen, die Mehrzahl der Kapellmusiker abzubilden.

Stellvertretend für sie alle werden einige der namhaftesten Ensembles im Foto vorgestellt. Seit dem dritten Viertel des 20. Jahrhunderts mehrten sich nicht nur die Tonaufzeichnungen von Kammermusikwerken, sondern es erwachte verstärkt das Interesse an Alter Musik und ihrer historischen Aufführungspraxis. Die Musiker der Staatskapelle Dresden widmeten sich diesem Gebiet vielfach mit alten Instrumenten, wenngleich teilweise nur zur privaten Übung; die gewonnenen Erfahrungen übertrugen sie dann auf moderne Instrumente. Das  Dresdner Kammertrio pflegte das Spiel sowohl auf alten als auch auf modernen Instrumenten, während die Cappella Sagittariana, in teilweise stattlicher Besetzung, sich auf alte Instrumente in alten Stimmungen spezialisierte. Die Spieler der ersten Generation haben sich längst verabschiedet; derzeit trägt den Namen ein aus Musikern verschiedener Dresdner Herkunft zusammengesetztes kleineres Ensemble.

Immer noch gilt für die Veranstaltungen der Kammermusik der Staatskapelle Dresden die ursprüngliche Maxime des TV, freiwillig und unentgeltlich zu musizieren, und sie gilt auch für mitwirkende Gäste. Das führt meistens zu nur partieller Beteiligung der Ausführenden am jeweiligen Kammerabend, zumal die Zahl der festen Ensembles rückläufig ist. Dafür aber musiziert theoretisch jeder mit jedem, ein einstudiertes Stück wird zur Aufführung angeboten, und so sind Vielfalt und Farbigkeit der jeweiligen Programme eine weitere Besonderheit der Kapell-Kammerabende geblieben.