Recording: Symphony Concert N° 4

Tugan Sokhiev Conductor

Alexander Borodin

  • Overture of the opera »Fürst Igor«

Pjotr I. Tchaikovsky

  • Symphony No. 5 in e minor, Opus 64

Recording for DLF Kultur & MDR Kultur

  • 21.12.2021
    20:05 Uhr
    Semperoper

Zum Programm

Alexander Borodin: Ouvertüre zur Oper »Fürst Igor«

»Mächtiges Häuflein« – unter diesem spöttischen Namen schlossen sich 1862 in Sankt Petersburg fünf Komponisten zusammen, die sich vom Primat der mitteleuropäischen Musikauffassung absetzen wollten. Das einst von Peter dem Großen geöffnete »Fenster nach Westen« schlugen sie selbstbewusst zu, um das zarte Pflänzchen der nationalrussischen Musik vor der Zugluft der deutschen Klassik und Romantik zu schützen. Sie mieden akademische Ausbildung und traten bewusst als Dilettanten auf: Alexander Borodin war Chemiker, Mili Balakirew Mathematiker, César Cui Ingenieur, Nikolaj Rimski-Korsakoff Offizier und Modest Mussorgski Beamter.

Borodins Forschungsarbeit ließ ihm nur wenig Zeit für Kompositionen, was sich verheerend auf großangelegte Projekte auswirkte. 18 Jahre lang arbeitete er an der heroischen Oper »Fürst Igor«, dennoch blieb das Werk bis zu seinem Tod 1887 unvollendet. Später erstellten Freunde eine Aufführungsversion und schufen so die Grundlage für einen Welterfolg, der weniger dem legendären Fürsten als den von ihm bekämpften Polowetzern zu verdanken war. Die üppig orientalisierenden Tänze dieses Turkvolks, die schon in der Ouvertüre breiten Raum einnehmen, machten eine selbständige Karriere, zum Beispiel im Broadway-Musical, als Handy-Klingelton, als Werbejingle oder als Untermalungsmusik zur Eröffnung Olympischer Winterspiele.

Pjotr I. Tschaikowsky: Symphonie Nr. 5 e-Moll op. 64

Wenn die Musikwelt von der »Schicksalssymphonie« spricht, meint sie gewöhnlich Beethovens Fünfte. Dabei ist der Satz »So pocht das Schicksal an die Pforte«, mit dem der Wiener Klassiker angeblich das berühmte Viertonmotiv erklärt haben soll, mit Vorsicht zu genießen: Es wurde von einem Mann überliefert, der sich als Biograph auch sonst nicht scheute, mit Dichtung und Wahrheit überaus freizügig umzugehen, wenn es darum ging, Details aus Beethovens Leben zu überliefern.

Ein anderer Komponist aber sprach definitiv von seiner Fünften als »Schicksalssymphonie«: Pjotr I. Tschaikowsy, der nach der Uraufführung seiner Vierten 1878 zwar auf dem Zenit seines Ruhmes angekommen war, privat aber dennoch von Depression und Selbstzweifel geplagt war. In einem Brief an seine langjährige Förderin Nadeshda von Meck von 22. Juni 1888 fragte er sich gar, ob er sich nicht »ausgeschrieben« habe, ob »die Quelle nicht versiegt« sei. Diese Reflexionen stellte er just in jenem Moment an, als er erstmals von einem neuen symphonischen Projekt berichtete: »Jetzt aber scheint Erleuchtung auf mich herabgesunken zu sein!«

Nur acht Wochen brauchte Tschaikowsky in diesem Sommer für die Komposition der Symphonie Nr. 5 e-Moll op. 64. Dass sie sofort nach der Uraufführung wie schon ihre umjubelte Vorgängerin ein großer Erfolg wurde, hatte den Komponisten dabei selbst am meisten überrascht. Er schrieb nämlich seinen Freunden, dass er das neue Werk für »wertlos« hielt. Wie bereits in der Vierten hielt Tschaikowsky auch für die Fünfte ein Programm parat, ohne jedoch detaillierte Inhaltsbeschreibungen zu liefern: »Introduktion: Völlige Ergebung in das Schicksal oder, was dasselbe ist, in den untergründlichen Ratschluss der Vorsehung. Allegro: Murren, Zweifel, Klagen, Vorwürfe«, notierte der Komponisten über dem ersten Satz.

Von den drei letzten Sinfonien, die alle um die »Vorsehung« kreisen, ist die Fünfte die konsequenteste. Ihr Kern ist ein kurzes Motiv, das »Schicksalsthema«, das gleich zu Beginn von der Klarinette vorgetragen wird. Anders als Beethovens Motiv klopft es aber nicht einfach nur an und bleibt dann wie ein Monolith bestehen, sondern treibt in unablässigen Varianten die musikalische Handlung immer wieder aufs Neue an: Gleich nach dem Beginn springt es eine Terz abwärts und wird in einer Sequenz wiederholt, danach schreitet es immer weiter in Sekundschritten hinab.

Es steht außer Frage: Das stimmungsvolle und einprägsame Motiv soll sich im Kopf festsetzen, damit die in allen vier Sätzen der Symphonie auftauchenden Varianten gebührend gewürdigt werden können. So auch im zweiten Satz, einem idyllischen kantablen Andante, für das der Komponist als Programm vermerkte: »Soll ich mich dem Glauben in die Arme werfen?« Dort fällt es mit hellen Trompetenklängen wie ein brutaler Einbruch in die Idylle, wird aber von der zarten Grundstimmung immer wieder verdrängt. Im dritten Satz, einem eleganten Walzer, wie ihn nur Tschaikowsky schreiben konnte, ist das Motiv lediglich eine ferne Reminiszenz – gleichsam als Mahnung, im anmutig dahinschwebendem Tanzglück das unermüdliche Schicksal nicht zu vergessen.

Im Finale jedoch ist das gleich zu Beginn wuchtig auftrumpfende Motiv gar nicht mehr zu überhören. Aber in welcher Form tritt es hier auf? Ist der Wechsel nach E-Dur ein Sieg über das Schicksal oder ein Sieg des Schicksals? Führt Tschaikowsky nur eine simple Variante von Beethovens »Durch Nacht zum Licht« vor (denn auch die berühmteste Fünfte der Musikgeschichte findet in vier Sätzen von der Moll- in die gleichnamige Dur-Tonart)? Oder ist das Ganze bittere Ironie, jene spezifisch russische Sicht auf das Fatum, wie sie Schriftsteller des Landes schon immer vorführten und wie sie später in Schostakowitschs Finalsätzen offensichtlich wurde?

Beide Sichtweisen sind möglich. Die Entscheidung darüber muss immer wieder neu gefällt werden, sie liegt im Ermessen der Interpreten und Zuhörer. Denn bis auf die zitierten Hinweise zum ersten und zweiten Satz hielt sich Tschaikowsky mit Deutungen zurück. Als Agnostiker glaubte er, dass der Einzelne einer übermächtigen Instanz – gleich, ob man sie nun »Schicksal«, »Fatum« oder »Vorsehung« nennt – schier ausweglos gegenübersteht. Im späten 19. Jahrhundert, als Religiosität in den Hintergrund rückte, schwelgerische Gefühligkeit aber überaus beliebt war, traf derlei den Nerv der Zeit. Nach der deutschen Erstaufführung, auf die das Publikum nur wenige Wochen warten musste, adelte der Musikkritiker Josef Sittard das Stück zur »bedeutendsten musikalischen Erscheinung der Zeit«. Er sollte Recht behalten: Bis heute gehört Tschaikowskys Fünfte zu den meistgespielten Werken im symphonischen Repertoire.

Hagen Kunze

Tugan Sokhiev

Internationally renowned conductor Tugan Sokhiev shares his time between symphony and opera, with orchestras from all over the world. He was the Musical Director of the Orchestre National du Capitole de Toulouse (ONCT) from 2008 to 2022 and of the prestigious Bolshoi Theater in Moscow from 2014 to 2022.

Being one of the last students of legendary teacher Ilya Musin at the St. Petersburg Conservatory, Tugan Sokhiev is eager to share his expertise and thus has initiated a Conducting Academy in Toulouse. His interest in French-Russian relationships in classical music has led him to become Toulouse’s Franco-Russian festival artistic director. The Bolshoi Orchestra often plays at this festival and at the Philharmonie de Paris under his baton.

As a guest conductor, Tugan Sokhiev regularly conducts the most prominent orchestras in the world: Amsterdam’s Royal Concertgebouw Orchestra, the Philharmonic Orchestras of Vienna, Berlin, Boston, Chicago, New York, the Accademia Nazionale di Santa Cecilia in Rome, the Symphony Orchestra of the Finnish Radio, the Philadelphia Orchestra and the Deutsches Symphonie-Orchester, where he was appointed Principal Conductor between 2012 and 2017.

Tugan

Sokhiev has a rich and varied discography, including recordings  with the Orchestre National du Capitole de Toulouse on Naïve Classique (Tchaikovsky’s Fourth and Fifth Symphonies, Mussorgsky/Ravel’s »Pictures at an Exhibition«, Rachmaninov’s »Symphonic Dances«, Prokofiev’s »Peter and the Wolf«, and Stravinsky’s »The Rite of Spring« and »The Firebird«) and on Warner Classics (Shostakovitch Eighth Symphony). His recordings of Prokofiev’s »Ivan the Terrible«, Fifth Symphony and Scythian Suite with the Deutsches Symphonie-Orchester have been released on Sony Classical. He is currently collaborating with EuroArts on a series of DVD’s. Under the same label, he appears with the Capitole de Toulouse in a recording of Beethoven’s Violin Concerto with Vadim Gluzman.

The 2021/2022 season includes engagements with the Orchestra of La Scala, Milan, the Bavarian Radio Symphony Orchestra, Dresden Staatskappelle at the Salzburg Easter Festival and the Munich, Berlin and New York Philharmonic orchestras. In October 2021, he will lead the Royal Concertgebouw Orchestra on their tour of Russia, Korea and Japan.