Giuseppe Sinopoli

Capell-Compositeur posthum 2020/2021

Am 20. April 2001 starb der ehemalige Chefdirigent der Sächsischen Staatskapelle Dresden, Giuseppe Sinopoli, in Berlin. Seit 1992 leitete er 150 Konzerte in Dresden, ca. 215 auf Tournee; darüber hinaus spielte er etwa 70 Titel mit der Staatskapelle auf CD ein. Er galt als einer der profiliertesten Musikerpersönlichkeiten des 20. Jahrhunderts und vielseitig begabter Mensch: So war er nicht nur Dirigent, son­dern auch Mediziner und Archäologe, kannte sich in Gebieten der Philosophie, Geschichte und Literatur aus, beherrschte zahlreiche Sprachen. Bis heute ist jedoch der Komponist Sinopoli noch weitgehend unbekannt – zu oft stand sein Schaffen im Schatten des interna­tional erfolgreichen Dirigenten.

Selten dirigierte Sinopoli eigene Werke in seinen Konzerten, kaum eines spielte er selbst auf Schallplatte ein. So erklangen vergleichs­weise wenige seiner Kompositionen bei der Staatskapelle: 1994 dirigierte er sein »Pour un livre à Venise« für Kammerorchester, 2001 verantwortete Peter Ruzicka als Diri­gent die Uraufführung der Symphonischen Fragmente aus der Oper »Lou Salomé«, 2004 interpretierte Peter Bruns als Solist »Tombeau d’Armor III« für Violoncello und Orchester, 2006 folge die Dresdner Erstaufführung der »Lou Salomé«-Suite Nr. 2 im traditionellen Palmsonntagskonzert.

Dabei waren Sinopolis Werke ebenso er­folgreich wie gefragt: Neben seinen Komposi­tionsstudium am Konservatorium in Venedig erhielt er die wohl wichtigsten Anregungen von seinen Lehrern Bruno Maderna und Franco Donatoni. Außerdem beeinflusst von Pierre Boulez und Karlheinz Stockhausen sorgte er in den 1970er-Jahren zunächst mit seiner frühen zwölftönigen, elektronischen und seriellen Musik bei den Festivals für Neue Musik in Darmstadt und Donaueschin­gen für Aufsehen. Mit seinem individuellen Konzept einer »sinnliche Musik, der man folgen und die man verstehen kann« schuf er dann bis 1981 den Großteil seines OEuvres, darunter die »Symphonie Imaginaire« für drei Orchester, drei Chöre und Solisten, die »Souvenirs à la Mémoire«, den dreiteiligen Zyklus »Tombeau d’Armor«, sein Klavier­konzert, Kammerkonzert und die Oper »Lou Salomé«, ein Auftragswerk der Bayerischen Staatsoper München.

Aus Unzufriedenheit mit der musikalischen Avantgarde dieser Zeit, dem »Bruch zwischen Schreibweise und Klangphänomen«, wandte sich Sinopoli nach 1981 vom Komponieren ab. Sinopoli-Biographin Ulrike Kienzle glaubt an die Erkenntnis seinerseits, »dass die wich­tigen Botschaften über die Abgründe des Menschseins von den Komponisten der Ver­gangenheit bereits mustergültig formuliert worden waren: Tod, Verlust und Vergäng­lichkeit, die Transformierung des Schmerzes durch die Schönheit, die tiefe, über sich selbst hinausweisende Symbolik alles Exis­tierenden – all diese Themen, die ihn zeit­lebens umtrieben, fand er in den Partituren von Schubert, Schumann und Wagner, von Brahms und Bruckner, Mahler und Strauss musikalisch ausgedrückt.«

In der Saison 2020/2021 widmen Daniele Gatti und Daniel Harding ihre Konzertpro­gramme mit der Staatskapelle dem ehemali­gen Chefdirigenten. Im 2. Aufführungsabend erklingt das Kammerkonzert Sinopolis – und im Porträtkonzert im Festspielhaus Hellerau wird u. a. auch dessen Witwe, die Pianistin Silvia Cappellini Sinopoli, mitwirken.