Radiokonzert: 4. Symphoniekonzert

Tugan Sokhiev Dirigent

Alexander Borodin

  • Ouvertüre zur Oper »Fürst Igor«

Pjotr I. Tschaikowsky

  • Symphonie Nr. 5 e-Moll op. 64

Rundfunkmitschnitt bei DLF Kultur & MDR Kultur

Seine Symphonie Nr. 5 e-Moll schuf Pjotr Iljitsch Tschaikowsky aus einer existentiellen Krise heraus: »Dieses von gesellschaftlichen Verpflichtungen getragene Leben ist ermüdend«, konstatierte der russische Komponist 1888. »Ich bin zu Tode erschöpft.« Innerhalb weniger Wochen der Ruhe auf dem Land entstand die Fünfte, deren Schicksalsmotiv das gesamte Werk durchzieht. Kurz nach der Uraufführung unter seiner Leitung am 17. November 1888 in St. Petersburg bezeichnete Tschaikowsky selbst die Symphonie als »misslungen«. Erst Arthur Nikisch rettete mit seinem Dirigat von 1892 das Werk letztlich vor der drohenden Vernichtung durch seinen Schöpfer.

Sendetermine:
21. Dezember 2021, ab 20.05 Uhr bei MDR Kultur & MDR Klassik
12. Januar 2022, ab 20.03 Uhr bei Deutschlandfunk Kultur


Zum Programm

Alexander Borodin: Ouvertüre zur Oper »Fürst Igor«

»Mächtiges Häuflein« – unter diesem spöttischen Namen schlossen sich 1862 in Sankt Petersburg fünf Komponisten zusammen, die sich vom Primat der mitteleuropäischen Musikauffassung absetzen wollten. Das einst von Peter dem Großen geöffnete »Fenster nach Westen« schlugen sie selbstbewusst zu, um das zarte Pflänzchen der nationalrussischen Musik vor der Zugluft der deutschen Klassik und Romantik zu schützen. Sie mieden akademische Ausbildung und traten bewusst als Dilettanten auf: Alexander Borodin war Chemiker, Mili Balakirew Mathematiker, César Cui Ingenieur, Nikolaj Rimski-Korsakoff Offizier und Modest Mussorgski Beamter.

Borodins Forschungsarbeit ließ ihm nur wenig Zeit für Kompositionen, was sich verheerend auf großangelegte Projekte auswirkte. 18 Jahre lang arbeitete er an der heroischen Oper »Fürst Igor«, dennoch blieb das Werk bis zu seinem Tod 1887 unvollendet. Später erstellten Freunde eine Aufführungsversion und schufen so die Grundlage für einen Welterfolg, der weniger dem legendären Fürsten als den von ihm bekämpften Polowetzern zu verdanken war. Die üppig orientalisierenden Tänze dieses Turkvolks, die schon in der Ouvertüre breiten Raum einnehmen, machten eine selbständige Karriere, zum Beispiel im Broadway-Musical, als Handy-Klingelton, als Werbejingle oder als Untermalungsmusik zur Eröffnung Olympischer Winterspiele.

Pjotr I. Tschaikowsky: Symphonie Nr. 5 e-Moll op. 64

Wenn die Musikwelt von der »Schicksalssymphonie« spricht, meint sie gewöhnlich Beethovens Fünfte. Dabei ist der Satz »So pocht das Schicksal an die Pforte«, mit dem der Wiener Klassiker angeblich das berühmte Viertonmotiv erklärt haben soll, mit Vorsicht zu genießen: Es wurde von einem Mann überliefert, der sich als Biograph auch sonst nicht scheute, mit Dichtung und Wahrheit überaus freizügig umzugehen, wenn es darum ging, Details aus Beethovens Leben zu überliefern.

Ein anderer Komponist aber sprach definitiv von seiner Fünften als »Schicksalssymphonie«: Pjotr I. Tschaikowsy, der nach der Uraufführung seiner Vierten 1878 zwar auf dem Zenit seines Ruhmes angekommen war, privat aber dennoch von Depression und Selbstzweifel geplagt war. In einem Brief an seine langjährige Förderin Nadeshda von Meck von 22. Juni 1888 fragte er sich gar, ob er sich nicht »ausgeschrieben« habe, ob »die Quelle nicht versiegt« sei. Diese Reflexionen stellte er just in jenem Moment an, als er erstmals von einem neuen symphonischen Projekt berichtete: »Jetzt aber scheint Erleuchtung auf mich herabgesunken zu sein!«

Nur acht Wochen brauchte Tschaikowsky in diesem Sommer für die Komposition der Symphonie Nr. 5 e-Moll op. 64. Dass sie sofort nach der Uraufführung wie schon ihre umjubelte Vorgängerin ein großer Erfolg wurde, hatte den Komponisten dabei selbst am meisten überrascht. Er schrieb nämlich seinen Freunden, dass er das neue Werk für »wertlos« hielt. Wie bereits in der Vierten hielt Tschaikowsky auch für die Fünfte ein Programm parat, ohne jedoch detaillierte Inhaltsbeschreibungen zu liefern: »Introduktion: Völlige Ergebung in das Schicksal oder, was dasselbe ist, in den untergründlichen Ratschluss der Vorsehung. Allegro: Murren, Zweifel, Klagen, Vorwürfe«, notierte der Komponisten über dem ersten Satz.

Von den drei letzten Sinfonien, die alle um die »Vorsehung« kreisen, ist die Fünfte die konsequenteste. Ihr Kern ist ein kurzes Motiv, das »Schicksalsthema«, das gleich zu Beginn von der Klarinette vorgetragen wird. Anders als Beethovens Motiv klopft es aber nicht einfach nur an und bleibt dann wie ein Monolith bestehen, sondern treibt in unablässigen Varianten die musikalische Handlung immer wieder aufs Neue an: Gleich nach dem Beginn springt es eine Terz abwärts und wird in einer Sequenz wiederholt, danach schreitet es immer weiter in Sekundschritten hinab.

Es steht außer Frage: Das stimmungsvolle und einprägsame Motiv soll sich im Kopf festsetzen, damit die in allen vier Sätzen der Symphonie auftauchenden Varianten gebührend gewürdigt werden können. So auch im zweiten Satz, einem idyllischen kantablen Andante, für das der Komponist als Programm vermerkte: »Soll ich mich dem Glauben in die Arme werfen?« Dort fällt es mit hellen Trompetenklängen wie ein brutaler Einbruch in die Idylle, wird aber von der zarten Grundstimmung immer wieder verdrängt. Im dritten Satz, einem eleganten Walzer, wie ihn nur Tschaikowsky schreiben konnte, ist das Motiv lediglich eine ferne Reminiszenz – gleichsam als Mahnung, im anmutig dahinschwebendem Tanzglück das unermüdliche Schicksal nicht zu vergessen.

Im Finale jedoch ist das gleich zu Beginn wuchtig auftrumpfende Motiv gar nicht mehr zu überhören. Aber in welcher Form tritt es hier auf? Ist der Wechsel nach E-Dur ein Sieg über das Schicksal oder ein Sieg des Schicksals? Führt Tschaikowsky nur eine simple Variante von Beethovens »Durch Nacht zum Licht« vor (denn auch die berühmteste Fünfte der Musikgeschichte findet in vier Sätzen von der Moll- in die gleichnamige Dur-Tonart)? Oder ist das Ganze bittere Ironie, jene spezifisch russische Sicht auf das Fatum, wie sie Schriftsteller des Landes schon immer vorführten und wie sie später in Schostakowitschs Finalsätzen offensichtlich wurde?

Beide Sichtweisen sind möglich. Die Entscheidung darüber muss immer wieder neu gefällt werden, sie liegt im Ermessen der Interpreten und Zuhörer. Denn bis auf die zitierten Hinweise zum ersten und zweiten Satz hielt sich Tschaikowsky mit Deutungen zurück. Als Agnostiker glaubte er, dass der Einzelne einer übermächtigen Instanz – gleich, ob man sie nun »Schicksal«, »Fatum« oder »Vorsehung« nennt – schier ausweglos gegenübersteht. Im späten 19. Jahrhundert, als Religiosität in den Hintergrund rückte, schwelgerische Gefühligkeit aber überaus beliebt war, traf derlei den Nerv der Zeit. Nach der deutschen Erstaufführung, auf die das Publikum nur wenige Wochen warten musste, adelte der Musikkritiker Josef Sittard das Stück zur »bedeutendsten musikalischen Erscheinung der Zeit«. Er sollte Recht behalten: Bis heute gehört Tschaikowskys Fünfte zu den meistgespielten Werken im symphonischen Repertoire.

Hagen Kunze

Tugan Sokhiev

Der aus Nordossetien stammende Dirigent Tugan Sokhiev war von 2014 bis 2022 Musikdirektor und Chefdirigent am Moskauer Bolschoi-Theater und leitet von 2008 bis 2022 das Orchestre National du Capitole de Toulouse. Von 2012 bis 2017 war er Chefdirigent und Künstlerischer Leiter des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin.

Als einer der letzten Schüler von Ilja Mussin am St. Petersburger Konservatorium feierte Sokhiev bereits kurz nach seinem Studium erste Erfolge an der Welsh National Opera, am Mariinski-Theater in St. Petersburg, an der Metropolitan Opera in New York und an der Houston Grand Opera mit einer gefeierten Aufführung von »Boris Godunov«. 2005 wurde er von der französischen Kritikervereinigung für sein Konzert mit dem Orchestre National du Capitole de Toulouse im Théâtre des Champs-Elysées in Paris als »musikalische Entdeckung des Jahres« geehrt. Bereits vor seiner Ernennung zum Musikdirektor des Orchester 2008 war Tugan Sokhiev dort drei Jahre als Erster Gastdirigent und musikalischer Berater tätig. Unter seiner Leitung erlangte das Orchester internationale Bedeutung, unter anderem auch mit mehreren Uraufführungen und der von ihm ins Leben gerufenen Conducting Academy.

In der aktuellen Saison 2021/2022 gastiert Tugan Sokhiev bei so renommierten Orchestern wie dem Orchestra della Scala in Mailand, dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks sowie

bei den Philharmonikern in München, Berlin und New York. Im April 2022 wird er als Gastdirigent am Pult der Staatskapelle Schostakowitschs »Leningrader« Symphonie im Rahmen der Osterfestspiele Salzburg dirigieren.

Als Gastdirigent steht Sokhiev regelmäßig am Pult der prominentesten Orchester der Welt, darunter das Royal Concertgebouw Orchestra, die Wiener und  Berliner Philharmoniker, das Boston und Chicago Symphony Orchestra, das New York Philharmonic, die Accademia Nazionale di Santa Cecilia, das Philadelphia Orchestra, das Orchestre national de France und die Münchner Philharmoniker.

Sokhievs Diskographie umfasst Aufnahmen mit dem Orchestra National du Capitole de Toulouse für Naïve Classique mit Tschaikowskys Vierter und Fünfter Symphonie, Mussorgskis »Bilder einer Ausstellung«, Rachmaninows »Symphonische Tänze«, Prokofjews »Peter und der Wolf« und Strawinskys »Sacre du printemps« und »Feuervogel«. Weitere Werke Prokofjews nahm er mit dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin für Sony Classical auf. Bei EuroArts erschien Beethovens Violinkonzert mit Vadim Gluzman auf DVD. Die zuletzt erschienene Aufnahme mit dem Orchestre National du Capitole de Toulouse mit Schostakowitschs Achter Symphonie wurde 2020 mit einem Diapason d’Or ausgezeichnet.