Beethoven im Blick

Zum 200. Todestag Beethovens widmet Daniele Gatti der Musik des Bonner Klassikers mit der Sächsischen Staatskapelle einen vollständigen Sinfonien-Zyklus. Beethoven sei kein musealer, sondern ein lebendiger Komponist, dessen geistzentrierte Musik immer neu entdeckt werden kann – im spannenden Dialog mit dem weiterlaufenden Mahler-Zyklus.

Ein Gespräch zwischen Daniele Gatti und Michael Ernst.

Maestro Gatti, im kommenden Jahr blickt die Musikwelt auf Ludwig van Beethoven und begeht dessen 200. Todestag. Was fasziniert Sie als Italiener an Beethoven?

Darauf kann ich nur als Musiker antworten, nicht als Italiener. Denn Beethoven hat Musik für alle Menschen geschrieben. Was mich an diesem Komponisten bis heute fasziniert, sind die Botschaft und die Modernität seines Werkes, das nie aufgehört hat, die Zuhörer in Erstaunen zu versetzen und eine unendliche Zahl von Menschen um sich zu versammeln – angefangen bei uns Profis, den Musikern, bis hin zu einem Publikum, das stetig gewachsen ist. Und wir hoffen natürlich, dass dieses Publikum auch in den kommenden Generationen noch weiter wächst, getragen von dieser Botschaft der Schönheit und der Modernität.

Beethovens Sinfonien lassen sich immer wieder neu lesen und neu betrachten, in unterschiedlichsten Formen und Ansätzen. Man ist von den großen Aufführungen der Tradition zu Aufführungen mit Originalinstrumenten übergegangen, dank vieler Musikerinnen und Musiker, die Zeit und Energie darauf verwendet haben, das Geheimnis Beethoven weiter zu entdecken und zu ergründen.

Gerade deshalb ist Beethoven kein musealer Komponist. Er ist ein lebendiger Komponist, und auch lässt sich in seinen Werken nach Antworten suchen. Unsere Aufgabe besteht darin, sie immer wieder neu zu erforschen und darin zeitgenössische Botschaften freizulegen.
 

Welche Rolle spielt die Musik Beethovens in Italien?

Beethovens Musik nimmt in Italien dieselbe Rolle ein wie überall sonst. In unseren Konzertsälen werden seine Werke – insbesondere natürlich seine Sinfonien – genauso regelmäßig wie in Frankreich, Deutschland und England aufgeführt, sowohl an den großen wie auch an kleineren Häusern. Ich denke, Beethovens Musik überschreitet die Nationen, überschreitet die Zeiten, und man sollte meiner Meinung nach nicht von geografischen Grenzen sprechen, denn jeder von uns, der sensibel ist und die Musik liebt, entwickelt einen ganz persönlichen, einen privilegierten Bezug zu Beethovens Werken. Und genau darin liegt seine Größe: Er war ein Mensch, der für die gesamte Menschheit geschrieben hat.


In Ihrem bisherigen Wirken als Chefdirigent der Sächsischen Staatskapelle haben Sie sich schwerpunktmäßig mit Gustav Mahler beschäftigt. Wie ist Ihre persönliche Bilanz?

Ich bin sehr glücklich und stolz, den vollständigen Zyklus der Sinfonien und Lieder von Gustav Mahler nach Dresden gebracht zu haben. Ich glaube, ein solches Angebot hat im kulturellen Leben der Stadt bislang gefehlt. Natürlich haben wir nicht ausschließlich Mahler aufgeführt: Wir haben Schumann vervollständigt, uns mit Strauss auseinandergesetzt und Wagner in Angriff genommen – und werden dies auch weiterhin tun.

Die Aufteilung des Mahler-Zyklus’ über mehrere Spielzeiten ermöglicht es dem Dresdner Publikum, eine kontinuierliche und intensive Beziehung zu diesem Komponisten aufzubauen. Ich hoffe sehr, dass Mahlers Sinfonien, wenn wir unseren Zyklus nach diesen vier Jahren abgeschlossen haben werden, dauerhaft im Repertoire der Sächsischen Staatskapelle verankert bleiben.

 

Der Mahler-Zyklus wird in der Saison 2026/27 fortgeführt. Parallel dazu starten Sie einen Beethoven-Zyklus mit sämtlichen Sinfonien des Bonner Meisters. Wie harmonieren diese beiden Heroen der Sinfonik miteinander?

Ja, wir wenden uns nun mit einer ebensolchen Selbstverständlichkeit dem Beethoven-Jahr zu, um es mit zwei vollständigen Zyklen seiner neun Sinfonien zu würdigen. Sie werden nicht nur in Dresden erklingen, sondern sollen auf Tournee auch nach Spanien sowie in weitere große europäische Städte getragen werden.

Meiner Ansicht nach geht es weniger um ein »Harmonisieren« dieser beiden Komponisten. Bei Beethoven sprechen wir von absoluter, von reiner Musik, die sich aus einer kontinuierlichen Arbeit an der Form und an der Entwicklung des musikalischen Materials quasi selbst hervorbringt. Mahler hingegen eröffnet uns andere Horizonte. Seine Musik umfasst – wie er selbst sagte – eine ganze Welt; sie schließt unterschiedliche Aspekte ein, auch theatrale, wenn man so will, im wörtlichen Sinne des Theatralischen: mit Bezügen zur Natur, zur Welt des Militärs, zur menschlichen Tragödie.

Im Zentrum von Mahlers Musik steht immer der Mensch. Bei Beethoven hingegen steht der Geist im Mittelpunkt. Vielleicht ist genau dies der entscheidende Unterschied, den ich selbst noch immer zu entdecken und weiterzuentwickeln versuche, wenn ich das so sagen darf.


Gibt es denn bei Beethoven immer noch etwas Neues zu entdecken? Was darf das Publikum bei diesem Zyklus erwarten?

Alle Musikerinnen und Musiker des Orchesters bringen sich mit ihrer individuellen Persönlichkeit ein. Mich persönlich fasziniert es ganz besonders, immer wieder Neues zu entdecken. Deswegen verlasse ich mich zum Beispiel nicht einfach auf die vorhandenen Partituren – allein von Beethovens Sinfonien besitze ich vier verschiedene Ausgaben. Jedes Mal, wenn ich mich einem Zyklus widme, habe ich gern neue Partituren vor mir, um beim Einstudieren wieder ganz von vorne zu beginnen. Natürlich haben die vielen Jahre Berufserfahrung in der praktischen Arbeit meinen Interpretationsstil von Beethovens Sinfonien ein Stück weit geprägt. Aber das bedeutet nicht, bei dem stehenzubleiben, was man sich erarbeitet hat, und sich darauf auszuruhen. Man sollte es immer wieder infrage stellen und von Neuem beginnen, frisch anzusetzen.

Am Ende wird es das Publikum sein, das unseren Zugang, unsere Art der Interpretation beurteilt. Daher ist es mir sehr wichtig, gemeinsam mit den Musikern meines Orchesters eine Reise durch die Welt der Beethoven-Sinfonien anzutreten, die inspiriert und anregend ist.


Beethoven war nicht nur ein musikalischer Neuerer, zumal in freier Künstlerexistenz, er hat mit seiner Musik auch Botschaften vermittelt, die in unserer heutigen Zeit wieder sehr brisant geworden sind. Spielt das in Ihrem Herangehen an die Sinfonien eine Rolle?

Das sind Aspekte, die über die rein musikalischen Fragen hinausgehen. Es hat ja auch vor Beethoven Musiker gegeben, die in einer Art künstlerischer Freiheit gearbeitet haben, auch wenn sie im Dienst von Höfen oder Erzbischöfen standen; denken wir nur an Bach, an Mozart oder an Haydn und an die wunderbare Entfaltung ihrer Musiksprache. Das hat ihre musikalische Weiterentwicklung also keineswegs behindert.

Wenn wir etwa den ersten Satz der Zweiten Sinfonie hören, sollte nicht die Frage im Vordergrund stehen, ob Beethoven frei war oder nicht. Entscheidend ist die musikalische Qualität. Sie ist stets das Wichtigste. Beethoven war ein außerordentlich sensibler Handwerker und ist in diesem Sinne zugleich ein Genie gewesen. Die Entwicklung, die er in die Welt der Sinfonie, in die Form der Sinfonie eingebracht hat, ist Ausdruck eines zutiefst musikalischen Denkens. Beim Hören der Sinfonien von Beethoven sollte uns daher nichts anderes ablenken, wir sollten uns vollkommen auf die evokative und poetische Kraft seiner Noten konzentrieren, auf die Ausdrucksstärke all dessen, was er geschrieben hat.

 

Ist angesichts der Weltlage der Schlusschor von Beethovens Neunter Sinfonie mit seinem verbindenden Friedensgedanken ein Stück Utopie geworden? Ein unerfüllbarer Wunschtraum vielleicht?

Das hoffe ich nicht. Ich möchte diese Frage positiv beantworten: Dieses Stück ist eine Botschaft des Friedens und der Brüderlichkeit, eine Botschaft, die intelligente und sensible Menschen nie aufgehört haben, anzunehmen. Der Wunsch ist, dass wir sie niemals vergessen. Beethoven hat nicht nur aus künstlerischer Sicht Großes geleistet. Wir dürfen auch heute nicht aufhören, für das Wohl aller zu kämpfen.


Erklingt Beethovens Neunte auch deswegen im Palmsonntagskonzert, zumal in der etwas »gewagten« Kombination mit den »Metamorphosen« von Richard Strauss?

Beethoven ist der Vater all dessen, was nach ihm kommt. Nicht nur als Vater der Sinfonik, sondern in gewisser Hinsicht auch einer moralischen Haltung. In diesem Sinne ist es relativ einfach, Verbindungen zwischen Richard Strauss und Beethoven herzustellen. Der eine wurde in Deutschland geboren, hat aber im Grunde in Wien gewirkt, der andere hingegen, Strauss, ist Deutschland grundlegend und tief verbunden geblieben, wo er geboren wurde und tätig war. Ich glaube aber nicht, dass dies der Ausgangspunkt sein sollte, um ein Konzert zu besuchen.

Es geht vielmehr um das musikalische Angebot. Die »Metamorphosen« sind eines der letzten Werke von Richard Strauss, der erste Konzertteil hat also zweifellos eine düstere, traurige Färbung. Vergessen wir aber nicht den inhaltlichen Zusammenhang: Der Palmsonntag ist der letzte Sonntag vor der Karwoche, der Woche vor der Passion Christi. Es gibt also ein Gefühl von Tod und Ende. Darauf folgt jedoch die Auferstehung und mit ihr die Hoffnung auf ein Leben ohne Ende, auf ein neues, anderes Leben – das, was man auf Deutsch »erneuertes« Leben nennt.

Wenn wir also an die Dramaturgie dieses Konzerts denken, passt der melancholische, dunkle und insgesamt, wie ich sagen würde, auch pessimistische Charakter von Strauss’ »Metamorphosen« sehr gut zum ersten Teil dessen, was die Karwoche sein wird. Beethovens Neunte hingegen – wie Sie zu Recht betonen – ist eine Hymne an das Leben, eine Hymne an die Freude, eine Hymne an die Freiheit und an die Brüderlichkeit. In diesem Sinne bedeutet sie eine Wiedergeburt. Dieses Programm wurde also bewusst unter diesem gedanklichen Aspekt konzipiert.


Den Mahler-Zyklus setzen Sie mit Werken fort, die Gustav Mahler nie selbst gehört hat: »Das Lied von der Erde« sowie die Zehnte Sinfonie. Sehen Sie die Cooke-Fassung als die authentischste an?

Ich schätze diese Fassung sehr. Selbstverständlich habe ich auch Partituren anderer Versionen eingesehen, doch ich halte die von Cooke – in aller Bescheidenheit – für die dem Werk gegenüber hingebungsvollste. Sie überzeugt mich einfach, deshalb habe ich diese Fassung schon mehrfach verwendet. Es gibt keine Eingriffe oder Veränderungen wie in anderen Versionen, in denen beispielsweise die Instrumentation verändert wurde. Sie bleibt den überlieferten Skizzen der Zehnten Sinfonie, insbesondere in den drei letzten Sätzen, äußerst nah. Natürlich musste Cooke – wie auch andere Musiker – einige Passagen ergänzen, von denen lediglich Entwürfe existierten. Was ich an dieser Rekonstruktion der Sinfonie so sehr bewundere, ist diese Haltung des Dienens: Sie ermöglicht uns, diese Noten von Mahler überhaupt hören zu können.

Natürlich gibt es hier unterschiedliche Auffassungen. Manche Dirigenten, die das nicht akzeptieren und die Zehnte Sinfonie daher als nicht original betrachten, lehnen ihre Aufführung strikt ab. Ich hingegen halte die von Mahler geschriebenen Noten für so bedeutend, dass wir der Arbeit all dieser  Musiker und Musikwissenschaftler sehr dankbar sein sollten, die ihr Möglichstes getan haben, um deren Ausdruckskraft allen bekannt zu machen – auch wenn das Ergebnis sicherlich nicht exakt so ist, wie wenn Mahler seine Zehnte vollendet hätte.